

Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Suizidzahlen in Deutschland erneut gestiegen sind. Im Jahr 2023 nahmen sich insgesamt 10.304 Personen das Leben. Mit über 70 Prozent der Fälle geht die deutliche Mehrheit der vollendeten Suizide auf die Altersgruppe der über 50-Jährigen zurück und die Suizidrate steigt mit höherem Alter weiter an. Obwohl ältere Menschen also den Großteil der Suizidenten ausmachen, stehen sie als Risikogruppe eher im Hintergrund bisheriger Maßnahmen. Gleichzeitig herrscht bei Haupt- und Ehrenamtlichen aus den verschiedenen Bereichen der Altenhilfe- und pflege, aber auch innerhalb der hospizlich-palliativen Versorgung, Verunsicherung, wie mit Todeswünschen und Suizidgedanken umgegangen werden soll.
Hier setzt das Projekt SALTHO (Suizidprävention in Altenhilfe und hospizlich-palliativer Versorgung) des Diözesan-Caritasverbands für das Erzbistum Köln an. Es wird gefördert von der Deutschen Fernsehlotterie und ist für zweieinhalb Jahre (März 2024 - August 2026) angesetzt. Ziel ist es, Materialien und Maßnahmen zu entwickeln, die betroffene Personen, ihre An- und Zugehörigen sowie die Haupt- und Ehrenamtlichen aus den verschiedenen Bereichen der Altenhilfe und -pflege sowie der hospizlich-palliativen Versorgung im Umgang mit Suizidalität zu stärken.
Die Entstehung von Suizidalität (im Alter) ist ein komplexes Geschehen, in dem individuelle, gesellschaftliche, kulturelle und sozialpolitische Faktoren zusammenwirken. Grundsätzlich kann unter Suizidalität „die Summe aller Denk- und Verhaltensweisen von Menschen oder Gruppen von Menschen (verstanden werden), die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen den eigenen Tod anstreben bzw. als möglichen Ausgang einer Handlung in Kauf nehmen“, definiert Manfred Woltersdorfer. Dabei gibt es bestimmte Aspekte, die das Risiko für Suizidalität im Alter erhöhen können. Darunter fallen unter anderem gesundheitliche Einschränkungen (zum Beispiel chronische Schmerzen), psychische Erkrankungen (wie etwa Depression oder Suchterkrankungen) sowie Suizidversuche in der eigenen Vergangenheit oder im sozialen Umfeld.
Auch spielen Verlusterfahrungen oder Lebenskrisen und -einschnitte eine zentrale Rolle in der Entstehung von Suizidalität, wie das Nationale Suizidpräventionsprogramm belegt. Das kann der Verlust einer nahestehenden Person sein, aber auch der Einzug in die stationäre Pflege oder die Diagnose einer Demenz. Des Weiteren können gesellschaftliche und individuelle Vorstellungen vom Alter und Alt-sein Einfluss auf den Lebenswillen älterer Person haben. Besonders Vorstellungen, die Alter mit Verlust und Krankheit assoziieren, führen oftmals dazu, dass sich die betreffenden Personen als „Last“ empfinden oder Suizide im höheren Alter gesellschaftlich eher toleriert werden, wie Eva-Marie Kessler untersucht hat.
Besonders im palliativmedizinischen Kontext ist darüber hinaus oftmals vom Begriff der Todeswünsche die Rede. Todeswünsche können sich direkt oder indirekt in Worten wie „Ich habe keine Lust mehr“, „Ich möchte morgen nicht mehr aufwachen“ oder „Ich möchte sterben“ ausdrücken. Doch in diesem Zusammenhang grenzen sich Todeswünsche von akuten Suizidgedanken in dem Sinne ab, dass sie mit einem niedrigeren Handlungsdruck einhergehen, dem eigenen Leben ein Ende setzen zu wollen.
Todeswünsche haben vielseitige Funktionen beziehungsweise Bedeutungen und können Ausdruck großen Leides sein, das unbedingtes Handeln erfordert. Auch können sie ein Ausdruck dafür sein, dass die Person das Sterben akzeptiert. Oder sie können den Wunsch beinhalten, den Sterbeprozess zu beschleunigen. Gleichzeitig sind sie von hoher Ambivalenz geprägt und bedeuten nicht notwendigerweise die Abwesenheit von Lebenswillen. Denn der Wunsch zu leben, als auch der Wunsch zu sterben, können gleichzeitig als auch abwechselnd vorliegen. Ursachen für ihre Entstehung können körperliche und psychische Symptome, soziale Problemlagen (wie etwa Einsamkeit) oder ein hohes Autonomiebedürfnis sein (Leitlinienprogramm Onkologie, 2020).
Die Äußerung von Suizidgedanken und Todeswünschen stellen An- und Zugehörige sowie Haupt- und Ehrenamtliche vor große Herausforderungen. Den Themen rund um Suizidalität haften immer noch Tabus an, und es halten sich hartnäckig einige Mythen. Ein besonders relevanter Mythos ist, dass (potenzielle) Suizidgedanken nicht offen angesprochen werden sollten, weil es Personen erst auf die Idee bringen könnte. Tatsache ist jedoch, dass das (proaktive) Ansprechen von Suizidgedanken weder zu deren Entstehung noch zu deren Verschlimmerung führt. Im Gegenteil: Ein offenes Gespräch über die eigenen Gedanken und Gefühle kann zu einer ersten Entlastung der betroffenen Person führen und es können sich erste Hilfsmöglichkeit eröffnen. Auch bestehen besonders bei An- und Zugehörigen sowie den betroffenen Personen Wissenslücken hinsichtlich der Grenzen und Möglichkeiten palliativer Versorgung.
Daher möchte das Projekt SALTHO die verschiedenen Akteurinnen und Akteure für Suizidalität und Todeswünsche im Alter sensibilisieren und in ihrer Handlungskompetenz stärken. Dazu wurden in einer ersten Phase des Projekts Informationen für die verschiedenen Zielgruppen aufbereitet und auf einer Website zur Verfügung gestellt. Die Internetseite beinhaltet zum einen Fakten zu den oben genannten Themen und zum anderen werden Tipps und Hinweise für Betroffene, Angehörige sowie Haupt- und Ehrenamtliche zum Umgang mit Suizidgedanken und Todeswünschen vermittelt.
Darüber hinaus wurde ein Sicherheitsplan entworfen und auf der Website zur Verfügung gestellt, in dem betroffene Personen Strategien festhalten können, die sie bei Aufkommen einer emotionalen Krise (wie beispielsweise Suizidgedanken) selbstständig anwenden können. Der Plan ist so konzipiert, dass kein fachliches Vorwissen zur Erstellung notwendig ist und er somit von Fachpersonen als auch von An- und Zugehörigen sowie Ehrenamtlichen genutzt werden kann.
Im weiteren Verlauf des Projekts werden Schulungen angeboten, die Haupt- und Ehrenamtlichen aus den Bereichen der Altenhilfe- und pflege sowie dem hospizlich-palliativen Bereich theoretische Hintergründe, Herangehensweisen und Handlungsmöglichkeiten vermitteln und sie im Umgang mit suizidalen Personen schulen.