Ihr wöchentlicher Branchendienst
Ausgabe 5/2024 - 02.02.2024
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Frankfurt a. M. (epd). Sein Rücken schmerzt seit Jahren. Nicht ständig. „Aber immer wieder“, sagt Stjepan Andric (Name geändert). Wegen seiner gesundheitlichen Probleme ist der 61 Jahre alte gelernte Steinbildhauer aus Mönchengladbach seit mehr als fünf Jahren fast ununterbrochen arbeitslos.
Nun hat Andric endlich wieder eine berufliche Perspektive: „Vor wenigen Tagen begann ich einen Kurs zum Pflegehelfer.“ Er hofft, diesen Job trotz seines schmerzenden Rückens bis zur Rente ausüben zu können. Hinter ihm liegen harte Jahre. Immer mit dem Geld knapp zu sein, sei frustrierend. Vor wenigen Monaten ging sein Kühlschrank kaputt. Vom Jobcenter habe er kein Geld für ein neues Gerät bekommen. „Eine Freundin schenkte mir schließlich einen gebrauchten.“
Im Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach erfuhr Andric viel Hilfe. Hier fand er Betroffene zum Austausch, konnte seinen Frust ablassen. Zum Beispiel darüber, dass ihm ständig unpassende Jobangebote gemacht worden seien. „Die Jobcenter gehen, wenn sie Angebote machen, prinzipiell von der letzten Arbeitsstelle aus - ganz egal, wie krank man seither ist“, schildert der Mönchengladbacher, der als Kind mit seinen Eltern aus Kroatien kam.
Andric gehört zu der wachsenden Gruppe von Menschen, die in Arbeitslosenzentren nach Unterstützung und Begegnungsmöglichkeiten suchen. Im Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach wuchs die Nachfrage in den vergangenen Jahren deutlich. So fanden im Jahr 2019 fast 600 Beratungen statt. „2023 sind wir auf über 3.000 Beratungskontakte gekommen“, sagt Einrichtungsleiter Karl Sasserath.
Das Mönchengladbacher Angebot leistet Sozialberatung. „Ein aktuelles Thema ist der Anstieg der Heiz- und Stromkosten“, berichtet Julian Strzalla. Häufig stellten Bezieher des Bürgergeldes Fragen zu Vermögensfreibeträgen und Erstattung der Unterkunftskosten. „Nach einjährigem Bezug von Bürgergeld verringert sich der Vermögensfreibetrag der ersten Person im Haushalt von 40.000 auf 15.000 Euro“, erklärt der Sozialberater.
Außerdem kann man sich im Arbeitslosenzentrum einfach treffen. Austausch, betont Andric, sei unglaublich wichtig: „Nur weil ich einen großen Bekanntenkreis habe und wir uns gegenseitig helfen, komme ich mit dem wenigen Geld, das ich erhalte, einigermaßen aus.“
Bei seinen Klienten handelt es sich laut Einrichtungsleiter Sasserath „um die schwächste Gruppe der Gesellschaft“. Wie diese Personen manchmal öffentlich diskreditiert würden, mache ihn fassungslos. Etwa wenn die Rede davon sei, dass Bürgergeldempfänger nicht arbeiten wollten und „Drückeberger“ seien.
Realität sei vielmehr, dass sich viele Menschen in fragilen Lebenssituationen abschufteten, ohne zu lamentieren. Sasserath denkt da zum Beispiel an eine Klientin aus Nigeria, die drei schulpflichtige Kinder großziehe und obendrein drei Jobs mache.
Wer den guten Willen von Arbeitslosen infrage stelle, sei schnell bei der Überlegung, ob es Arbeitslosenzentren überhaupt brauche, sagt Sasserath. Dabei seien sie notwendiger denn je. Nicht zuletzt wegen des starken Zuzugs von Flüchtlingen: „Gerade sie sind einer unvorstellbaren Bürokratie unterworfen.“
Wirtschaftsforscher rechnen damit, dass die Zahl der Arbeitslosen 2024 steigt. In einer Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung heißt es: „Die Arbeitslosenzahl wird im Jahresdurchschnitt 2024 um rund 240.000 Personen zunehmen.“
Die Arbeitslosenquote könnte von durchschnittlich 5,7 Prozent im Jahr 2023 auf 6,2 Prozent in diesem Jahr klettern. Insgesamt würden 2024 rund 2,9 Millionen Männer und Frauen erwerbslos sein. Grund sei die „kraftlose deutsche Konjunktur“, sagen die Forscher.
Hans-Peter Sokoll vom Ökumenischen Arbeitslosenzentrum in Krefeld kennt Dutzende Menschen, die ihre Familie trotz Arbeit kaum durchbringen. Sie fahren für niedrige Gehälter Pakete aus oder jobben zum Mindestlohn als Reinigungskraft.
Das Krefelder Team macht jährlich rund 3.000 Beratungen. Sokoll sagt: „Mehr schaffen wir nicht.“ Die Einrichtung habe 1,6 Personalstellen. „Es werden nicht mehr, obwohl die Problemlagen größer werden.“
An jedem Montag und Mittwoch kann jeder Hilfesuchende von 8 bis 11.30 Uhr in die Offene Sprechstunde kommen. Das Angebot werde rege genutzt. „Es kommen bis zu 30 Leute, das ist eigentlich zu viel.“ Ebenso wie Karl Sasserath erlebt Hans-Peter Sokoll die Not von Menschen, die vergebens nach einem Job mit einem auskömmlichen Einkommen suchen. Auch er beklagt „öffentliche Diffamierungen“ von Hilfeempfängern.
Langzeitarbeitslose finden manchmal auf dem sogenannten „Sozialen Arbeitsmarkt“ einen Job. Bei diesem arbeitsmarktpolitischen Instrument erhalten Unternehmen einen staatlichen Zuschuss, wenn sie einen Langzeitarbeitslosen einstellen. Allerdings läuft die Förderung nach fünf Jahren aus. Dann ist Schluss.
„Für die Menschen, die auf dieser Basis bei uns arbeiten, bemühen wir uns gerade um eine Anschlussfinanzierung“, berichtet Thomas Johannes, Geschäftsführer des Würzburger Sozialunternehmens „Brauchbar gGmbH“. Die von der Würzburger Diakonie und der evangelisch-lutherischen Gesamtkirchengemeinde getragene Gesellschaft betreibt Sozialkaufhäuser und das Arbeitslosenzentrum „Würzburger Arbeitslosentreff (WAT)“.
Auch im WAT verdoppelte sich laut Einrichtungsleiter Jochen Widmann die Zahl der Klientinnen und Klienten zwischen 2019 und 2023. Letztes Jahr kamen 700 Klienten, 2019 waren es 365 gewesen. Widmann hat es häufig mit Menschen zu tun, die in ihrem Job so wenig verdienen, dass sie Anspruch haben auf Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld. Ihnen hilft er bei der oftmals komplizierten Antragstellung.