Ihr wöchentlicher Branchendienst
Ausgabe 5/2024 - 02.02.2024
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Berlin (epd). Nach Bekanntwerden des großen Ausmaßes sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche auch in der evangelischen Kirche werden Rufe nach mehr staatlichem Einfluss auf die Aufarbeitung laut. „Eine staatliche Instanz kann helfen, allgemeinverbindliche Regeln und Standards zu setzen, an die sich die aufarbeitenden Institutionen halten müssen und deren Einhaltung überprüft werden kann“, sagte der CDU-Politiker Thomas Rachel am 26. Januar dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, forderte ein Recht der Betroffenen auf Aufarbeitung. Forderungen nach „Druck von außen“ kommen auch aus der Institution selbst.
Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch sagte dem epd, er werde sich dafür einsetzen, dass das angekündigte staatliche Aufarbeitungsgesetz bald komme. Auch er sprach von einem Rechtsanspruch der Betroffenen auf Aufarbeitung.
Die Sprecherin der kirchlichen Beauftragten im Beteiligungsforum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dorothee Wüst, forderte einheitliche Standards bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt innerhalb der evangelischen Kirche. „Es darf keine Rolle spielen für eine betroffene Person, ob sie aus Bayern stammt oder aus der Nordkirche“, sagte Wüst am Freitag in Hannover.
Ein von der EKD beauftragtes Forscherteam hatte am 25. Januar seine Erkenntnisse über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie vorgestellt. Die sogenannte ForuM-Studie zeigt, dass das Ausmaß von Missbrauch in der evangelischen Kirche größer ist als bislang angenommen. Für den Zeitraum von 1946 bis 2020 wurden mindestens 2.225 Betroffene und 1.259 mutmaßlichen Täter ermittelt, wobei aber längst nicht alle relevanten Akten eingesehen wurden und die Zahl deswegen wahrscheinlich deutlich höher liegt. Die Forscher hatten die Landeskirchen und diakonischen Verbände für mangelnde Zuarbeit kritisiert.
Die Missbrauchsbeauftragte Claus sagte: „Es muss klar sein, dass Aufarbeitung ein grundlegendes Recht von Betroffenen ist und dass die individuelle Position von Betroffenen in solchen Prozessen gestärkt wird.“ Sie wies auch nochmals darauf hin, dass die Ampel-Koalition versprochen habe, ihre Stelle gesetzlich zu verankern und Aufarbeitung zu stärken.
Rachel, der auch dem Rat der EKD angehört, verwies in dem Zusammenhang auf die bei Claus angesiedelte Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Deren Stärkung könne dazu beitragen, verbindlich Maßstäbe zur Aufarbeitung und Prävention für die verschiedenen Institutionen zu verankern, sagte der Sprecher für Kirchen und Religionsgemeinschaften der Unionsbundestagsfraktion.
Der Theologe Reiner Anselm glaubt nicht, dass die evangelischen Kirchen die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt strategisch verschleppen wollen. Das Problem sei eher eine Unprofessionalität, die für die protestantischen Kirchen typisch sei, sagte der evangelische Theologe der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität am 30. Januar im Deutschlandfunk. Man habe etwa in den Kirchenleitungen den Aufwand unterschätzt, den die Bereitstellung von Personalakten erfordert hätte.
Anselm sagte, die Rollen in den evangelischen Kirchen müssten besser getrennt werden. Künftig sollten Pfarrerinnen und Pfarrer klarer zwischen ihrem Beruf und Privatem unterscheiden. Eine Vermengung dieser Rollen habe sexualisierte Gewalt begünstigt. Außerdem sollten Seelsorge und Aufarbeitung nicht in einer Hand liegen.
Der Theologe argumentierte für eine stärkere staatliche Verantwortung für die Aufarbeitung. Man müsse sich fragen, ob in der Vergangenheit „das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen nicht überdehnt worden ist“. Es dürfe nicht zu einer „Betroffenheitskultur, die in eine Handlungsstarre führt“, kommen, sagte Anselm: „Dass man immer betont, wie furchtbar das alles ist, und sich entschuldigt, aber nachher passiert eigentlich gar nichts mehr.“
Evangelische Landeskirchen kündigten weitere Aufklärung an. Der Berliner Bischof Christian Stäblein sagte, die Ergebnisse der jüngsten Studie könnten nur ein erster Schritt sein. Der rheinische Präses Thorsten Latzel verwies auf geplante Einzelstudien sowie eine regionale Aufarbeitungsstudie. In einer gemeinsamen Erklärung mit Claus hatte sich die evangelische Kirche zu weiteren Aufarbeitungsschritten verpflichtet. Die Landeskirchen wollen dabei in neun regionalen Verbünden zusammenarbeiten. „Das ganze Thema der sexualisierten Gewalt ist ein Marathon, kein Sprint“, erklärte der Braunschweiger Bischof Christoph Meyns.