Bielefeld, München (epd). „Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe“, sagte sie 1971, zwei Jahre vor ihrem Tod. Das Ringen um eine neue Sprache angesichts der Gräueltaten von Nazi-Tätern blieb das Lebensthema der Autorin Ingeborg Bachmann. Sie steht auch für den Kampf um künstlerische Selbstbestimmung in einem von Männern dominierten Kunst- und Literaturbetrieb.

Am 25. Juni jährt sich Bachmanns Geburtstag zum 100. Mal. Ihre „unbedingte Hingabe an die Literatur“ sowie ihre „radikale Art, an die Grenzen des Sagbaren zu gehen“, mache auch heute noch die Faszination der Autorin aus, sagt der Autor der Biografie von „Ingeborg Bachmanns München“ (2026), Nicola Bardola, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Mit dem Hinterfragen der Geschlechterrollen sei sie ihrer Zeit voraus gewesen. Und oft werde vernachlässigt, dass sie auch „einen großartigen Humor“ gehabt habe.

Auf dem Titel des „Spiegels“

Bachmann kam 1926 im österreichischen Klagenfurt zur Welt. 1953 erhielt sie für Gedichte aus ihrem ersten Lyrikband „Die gestundete Zeit“ den Preis der Gruppe 47, einem mittlerweile legendären Verbund von Nachkriegsdichtern. Schon ein Jahr später würdigte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sie mit einer Titel-Story. Ein Hauch von Glamour und Weltläufigkeit umgab die zuletzt in Rom lebende Autorin.

Von heute aus betrachtet sei „es der Mut, im Schreiben wie im Leben bis zum Äußersten zu gehen, der diese Schriftstellerin so einmalig macht“, schreibt Andrea Stoll in ihrer aktuellen Bachmann-Biografie „Zwei Menschen sind in mir“ (2026). Bachmann sei eine der bedeutendsten europäischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Zu ihren bekanntesten Werken gehören neben den Lyrik-Bänden „Die gestundete Zeit“ und „Anrufung des Großen Bären“ der Roman „Malina“ sowie das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“.

Der Moment, der die Kindheit zertrümmerte

Traumata bestimmten das Schreiben der hypersensiblen Autorin. Besonders der Einmarsch der Nazi-Truppen in Österreich und die später erst bekannt gewordene Parteimitgliedschaft ihres Vaters in der österreichischen NSDAP ließen sie ihr Leben lang nicht los.

„Es hat einen bestimmten Moment gegeben, der hat meine Kindheit zertrümmert“, sagte sie 1971 in einem Interview über den Einmarsch in Klagenfurt. „Es war etwas so Entsetzliches, dass mit diesem Tag meine Erinnerung anfängt: durch einen zu frühen Schmerz, wie ich ihn in dieser Stärke vielleicht später überhaupt nie mehr hatte.“

Bachmann sei die erste deutschsprachige Schriftstellerin von Rang gewesen, die diesen Schmerz zu einem großen Thema ihrer Literatur gemacht habe, schreibt die Biografin Stoll. „Nie würde sie bei der Wahl ihrer Themen frei sein, immer lag eine Last auf ihren Schultern, die sie mit ihrem Schreiben abtragen wollte.“

Studium der Philosophie in Wien

Aufgewachsen ist Bachmann mit zwei Geschwistern in Klagenfurt. Ihr Vater, ein Schuldirektor, brachte ihr Italienisch bei, setzte sich für die Veröffentlichung ihrer frühen Lyrik ein und ermöglichte ihr durch eine Hypothek auf das Haus ein Studium direkt nach dem Krieg. Bachmann studierte Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie zuletzt in Wien. In ihrer Dissertation setzte sie sich kritisch mit der Existenzialphilosophie Martin Heideggers auseinander.

Für den österreichischen Rundfunk bearbeitete sie Theaterstücke, schrieb Hörspiele und Filmkritiken. Beim Bayerischen Rundfunk in München war sie Dramaturgin.

Komplizierte Beziehungen

Als freie Schriftstellerin lebte sie später in Rom, Neapel und Zürich. Gegenüber Männern blieb sie ihr Leben lang autark. Mit dem Schweizer Autor Max Frisch lebte sie mehrere Jahre in einer offenen und schwierigen Beziehung. Auch mit dem jüdischen Dichter Paul Celan verband sie eine langjährige Liebesbeziehung, mit Hans Magnus Enzensberger hatte sie eine Affäre.

Roman Malina: „Psychogramm eines schweren Leidens“

Der homosexuelle Komponist Hans Werner Henze, mit dem sie eine enge Freundschaft verband, erklärte einmal: Bachmann habe nie von der Emanzipation der Frau gesprochen. „Es war kein Ziel für sie, sie war es, sie brauchte es nicht.“ Der Preis, den sie dafür habe zahlen müssen, sei jedoch „sehr hoch“ gewesen.

In ihren letzten Jahren in Rom entstand ihr Roman „Malina“, der als Teil einer nicht mehr vollendeten Romantrilogie „Todesarten“ geplant gewesen war. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete „Malina“ als „poetischen Krankheitsbericht, als das Psychogramm eines schweren Leidens“. Biografin Stoll erklärt, in jenen Jahren habe Bachmann Gewaltstrukturen im Spiel der Geschlechter erkannt, die sie als Versuch einer Auslöschung empfunden habe, „als unbedingtes Vernichtenwollen von etwas, das man nicht verstehen kann“.

Tod in einem Krankenhaus in Rom

Am Ende von Ingeborg Bachmanns Leben stehe „die Leidende, die in einem aseptischen Krankenhauszimmer über Wochen isoliert wird und keinen geliebten Menschen sieht“, so beschreibt es Dieter Burdorf in seiner Biografie „Dieses unruhige Ich“ (2026). Durch ein Alkoholproblem und die massenhafte Einnahme von Betäubungs- und Aufputschmitteln schlief Bachmann immer öfter mit brennender Zigarette ein.

In der Nacht auf den 26. September 1973 wurde sie wegen eines Brandunfalls in ihrer Wohnung in das römische Krankenhaus Sant‘Eugenio gebracht. Durch zusätzliche Komplikationen, die mit falschen Beurteilungen ihrer Medikamentenabhängigkeit durch die Ärzte zusammenhängen sollen, fiel sie ins Koma. Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 im Alter von 47 Jahren.