Siri Hustvedt - Dance Around the Self
Noch heute ist Siri Hustvedt vor allem als „die Frau von Paul Auster“ bekannt. Dabei ist die 1955 im ländlichen Minnesota geborene und aufgewachsene Hustvedt selbst seit Jahrzehnten eine der wichtigsten literarischen und intellektuellen Stimmen Amerikas. Über Jahre hat die Regisseurin Sabine Lidl die Autorin begleitet - in ihre Heimat Minnesota, zu Lese- und Forschungsreisen, bei der Arbeit in ihrem Haus in Brooklyn, beim Spielen mit ihrem ersten Enkelkind. Es sind intensive Momente, in denen Hustvedt die Zuschauenden ganz nah an sich heranlässt - auch in Zeiten ihrer größten Trauer. Im April 2024 stirbt Paul Auster, Hustvedts „Lebensmensch“, wie sie ihn selbst nennt. In der ersten halben Stunde hält sich Lidl noch mit literarischen und psychologischen Überlegungen Hustvedts auf, danach verwandelt sich der Film in ein einfühlsames Porträt und vermittelt das Bild einer verletzlichen, sanften, lebensfrohen und extrem reflektierten Frau, der man auf ewig folgen möchte.
Siri Hustvedt - Dance Around the Self (Schweiz/Deutschland 2025). Regie und Buch: Sabine Lidl. Mit: Siri Hustvedt, Liv Hustvedt, Paul Auster, Sophie Auster, Katerina Fotopoulou. Länge: 110 Min. FSK: ab 12 Jahren.
Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean
„Die Elenden“ ohne Fantine und Cosette, ohne den gnadenlosen Javert und die niederträchtigen Thénardiers, ganz ohne die Barrikaden und die Abwasserkanäle von Paris? Éric Besnard erschließt sich Victor Hugo auf eigene Weise, indem er nur den Auftakt des Romans als Kammerspiel inszeniert. Jean Valjean (Grégory Gadebois) ist da gerade wieder frei, nachdem er wegen eines gestohlenen Laibes Brot 19 Jahre Zwangsarbeit verbüßt und nur im Hass auf die Welt einen Halt gefunden hat. Da tappt er in eine wundersame Falle der Menschenfreundlichkeit, sein Wohltäter ist Bischof Myriel. In den nächsten 24 Stunden wird der um die Seele des misstrauischen Gastes kämpfen, der ihm erbitterten Widerstand leistet und unerschütterlich in seinem Urteil über die Menschheit scheint. Der Film erzählt von diesem Tauziehen gegensätzlicher Prinzipien in achtsamem Tempo, der Disput um sittliche und soziale Gerechtigkeit gewinnt dabei trotz der Reduktion der Handlung authentisch Hugo’sches Pathos.
Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean (Frankreich 2025). Regie und Buch: Éric Besnard. Mit: Grégory Gadebois, Bernard Campan, Alexandra Lamy, Isabelle Carré, Dominique Pinon. Länge: 98 Min. FSK: ohne Angabe.
Romería
Die angehende Filmstudentin Marina (Llúcia Garcia) taucht 2004 mit ihrer Videokamera im galizischen Vigo auf. Sie freut sich darauf, die Familie ihres Vaters Alfonso kennenzulernen, die sie seit Kindertagen nicht mehr gesehen hat. Außerdem benötigt sie offizielle Dokumente für ihr Uni-Stipendium, die Alfonsos Vaterschaft bestätigen. Marinas Existenz fehlt jedoch in seiner Sterbeurkunde. Sie stellt schockiert fest, dass zumindest ein Teil ihrer Verwandtschaft sie noch immer nicht als Familienmitglied anerkennt. „Romería“ ist der dritte autobiografische Film der spanischen Regisseurin Carla Simón. Sie setzt sich darin erneut mit dem Aids-Tod ihrer Eltern auseinander, die Trauerarbeit nimmt hier aber eher die Form einer Investigation an. Mit ihrer Mischung aus autobiografischen Elementen und purer Kinomagie gelingt ihr eine persönliche Auseinandersetzung, die ebenso universell wie packend wirkt und ihren Status als eine der interessantesten europäischen Autorenfilmerinnen beweist.
Romería (Spanien/Deutschland/Frankreich 2025). Regie und Buch: Carla Simón. Mit: Llúcia Garcia, Tristán Ulloa, Mitch Martín, Sara Casasnovas, José Ángel Egido. Länge: 115 Min. FSK: ohne Angabe.
Alpha
Anfang der 1990er Jahre lässt sich die 13-jährige Alpha (Mélissa Boros) auf einer Party ein A auf den Arm tätowieren. Als ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani), eine Ärztin, das Tattoo entdeckt, ist sie schockiert. Seit einigen Jahren grassiert eine mysteriöse Infektionskrankheit, die über den Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen wird. Die Betroffenen versteinern buchstäblich, bis sie von Schimmel befallenen Marmorstatuen gleichen. Während die Familie auf die Ergebnisse von Alphas Bluttest wartet, taucht unerwartet ihr drogensüchtiger und bereits infizierter Onkel Amin (Tahar Rahim) auf. „Alpha“ bietet das für Ducournau typische affektgeladene Körperkino, ist allerdings auch ihr bislang ruhigster und melancholischster Film. Wo ihre früheren Werke „Raw“ und „Titane“ eine monströse Weiblichkeit entwarfen und den patriarchalen Status quo herausforderten, richtet „Alpha“ den Blick auf Frauenbilder, die mit radikaler Selbstaufopferung verbunden sind und so die gesellschaftliche Ordnung in Frage stellen.
Alpha (Frankreich/Belgien 2025). Regie und Buch: Julia Ducournau. Mit: Tahar Rahim, Golshifteh Farahani, Mélissa Boros, Emma Mackey. Länge: 128 Min. FSK: ab 16 Jahren.
