Münster, Hildesheim (epd). „Wenn ich Sie alle heute hier im St.-Paulus-Dom zu Münster anschaue, dann brennt mir das Herz“, sagte der neue Bischof von Münster, Heiner Wilmer, am 26. März bei seiner Vorstellung. Papst Leo XIV. hat den 64-Jährigen zum 77. Bischof von Münster ernannt. Der bisherige Bischof von Hildesheim wird damit an die Spitze des mitgliederstärksten deutschen Bistums befördert. Das Bistum hat rund 1,6 Millionen Mitglieder. Eigentlich als norddeutsch zurückhaltend bekannt, wurde Wilmer am Donnerstag unerwartet emotional.
Er komme mit großem Respekt vor den Menschen im Bistum und vor der Aufgabe, sagte Wilmer demütig. Er sehe sich in der Nachfolge des ersten Bischofs von Münster und Stadtgründer, des mittelalterlichen Missionars Liudger. Dieser sei ein ruhiger Brückenbauer gewesen. Vielleicht sei das der Weg der Kirche heute: „Aufsuchen, zuhören, verstehen und dann gemeinsam vorangehen, aber nicht alles wissen“, sagte Wilmer, der erst vor vier Wochen, Ende Februar, zum Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden war.
Lehrer in der Bronx
Wilmer, der auf einem Bauernhof im niedersächsischen Emsland an der Grenze zu Westfalen aufwuchs, wurde 2018 Bischof in Hildesheim und wechselte zuvor oft seinen Wohnort: In Freiburg und Rom studierte er Theologie und Philosophie und wurde 1987 zum Priester geweiht. Nach einem weiteren Studium der Geschichte auf Lehramt absolvierte er sein Referendariat an einem Gymnasium in Meppen und unterrichtete an einer katholischen Mädchenschule in Vechta, das zum Bistum Münster gehört.
Auf der Suche nach einer „richtigen Herausforderung“ bewarb er sich an einer Schule im New Yorker Stadtteil Bronx, einem Stadtteil, der für soziale Probleme bekannt ist. Dort unterrichtete er ab 1997 ein Jahr lang an einer Highschool der Jesuiten.
Anschließend wurde er im niedersächsischen Emsland Schulleiter. Sein Leitspruch: „Allein bin ich vielleicht schnell, aber gemeinsam kommen wir weiter und sind entspannter.“ Schließlich führte seine berufliche Laufbahn den Theologen nach Rom, wo er Generaloberer der Herz-Jesu-Priester wurde, einer Gemeinschaft mit weltweit rund 2.200 Mitgliedern.
Bringt sich häufig in Debatten ein
Wilmer bringt sich häufig in gesellschaftliche Debatten ein. Zur Diskussion über den Sozialstaat rief er kürzlich zu mehr Sachlichkeit auf. Eine „aufgeheizte und gereizte Diskussion“, wie sie zuletzt etwa beim Thema Rente geführt worden sei, könne Ängste schüren und unerfüllbare Erwartungen wecken.
Die Aufgabe der Kirche sei es, sich zum Anwalt der Kleinen und Schwachen zu machen, lautet Wilmers Überzeugung. Am Donnerstag sagte er: „Die Liebe darf keine Grenzen kennen.“ Kirche müsse besonders einen Blick für die „Menschen mit verwundeten Herzen“ haben.
Machtmissbrauch in der „DNA der Kirche“
Wilmer gilt als traditionsverbunden, aber zugleich auch offen gegenüber Reformen. Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche nahm er von Beginn an sehr ernst. 2018, kurz nach seiner Amtseinführung, hatte Wilmer in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ gesagt, der Missbrauch von Macht stecke in der DNA der Kirche, und damit viel Kritik geerntet. Der Bischof jedoch bekräftigte später seine Aussage. Am Donnerstag sagte er, er wolle sich mit all seiner Kraft dafür einsetzen, dass die Kirche ein sicherer Raum sei.
Unter dem Eindruck der Corona-Pandemie forderte Wilmer 2020 in einem Beitrag für „Die Zeit“ eine „spirituelle Revolution“. Darin schrieb er, wenn er darüber nachdenke, wie man die Kirche wirklich erneuern könne, um sie wieder relevanter für die Menschen zu machen, störe ihn zweierlei: „die eskalierende Empörung über die Schlechtigkeit der Kirche einerseits und die Kaskaden der Verteidigung des Bestehenden andererseits“. Zentral sei die Rückkehr zum Kern allen Tuns, die Verkündigung des Evangeliums. Dies macht Wilmer auch deutlich. „Die katholische Kirche ist attraktiv“, sagte er nach seiner Wahl zum Bischofskonferenz-Vorsitzenden. Die christliche Hoffnung sei mehr als naiver Optimismus.
Es sei ihm ein Herzensanliegen, die Begeisterung und Faszination für Jesus weiterzugeben, erklärte Wilmer bereits vor seinem Amtsantritt als Bischof in Hildesheim. Ende Februar bekräftigte er, im Zentrum aller Arbeit stehe die Verkündigung des Evangeliums. „Und wir machen das mit Frische und mit Schmackes und gehen dabei manchmal übern Deich mit ner steifen Brise im Haar“, sagte er mit norddeutschem Zungenschlag.

