Hannover (epd). Für viele mag es ein Detail sein, für Betroffene ist dies aber entscheidend: Seit Monaten verhandeln Betroffenenvertreter mit der evangelischen Kirche und der Diakonie über eine konkrete Orientierungshilfe mit einheitlichen Richtwerten für Zahlungen an Opfer sexualisierter Gewalt. Eine entsprechende Richtlinie ist seit Anfang des Jahres in Kraft, die Orientierungshilfe soll eigentlich sicherstellen, dass die Höhe der Leistungen deutschlandweit vergleichbar ist. Doch diese Orientierungshilfe, die bis Januar fertig sein sollte, fehlt weiterhin.
Das zuständige Gremium für die Aufarbeitung von Missbrauch in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie, das Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt, hatte im Februar den Zusatz für die Anerkennungsrichtlinie beschlossen. EKD und Diakonie haben offenbar aber noch Bedenken. Ihre zuständigen Gremien haben die Hilfe nicht, wie ursprünglich angedacht, vergangene Woche in ihren Sitzungen beschlossen.
Betroffene verurteilen fehlenden Beschluss scharf
Das geht aus einer Pressemitteilung der Gruppe der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt hervor, die am 23. März in Hannover veröffentlicht wurde. Die Kirchenkonferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Ausschuss Diakonie hätten die Orientierungshilfe zur Anerkennung sexualisierter Gewalt am Wochenende nicht beschlossen, sondern weiteren Beratungsbedarf angemeldet, heißt es darin. „Die Gruppe der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt verurteilt die fehlende Verabschiedung der Orientierungshilfe durch Diakonie und Kirche scharf.“
Ein Sprecher der EKD bestätigte dem Evangelischen Pressedienst (epd) am 23. März, dass Kirchenkonferenz und Ausschuss Diakonie in der Vorwoche Woche über die Orientierungshilfe beraten haben. Die Kirchenkonferenz habe dem Entwurf im Grundsatz zugestimmt, der Ausschuss Diakonie habe ihn begrüßt. Doch beide Gremien sähen noch „begrenzten, sachbezogenen Änderungsbedarf“, der nun gemeinsam mit dem Beteiligungsforum weiter beraten werden solle. Beide Gremien strebten an, die Orientierungshilfe zeitnah zu verabschieden. Einen konkreteren Termin nannte der Sprecher nicht. Die EKD hatte zuletzt betont, dass die zuständigen Kommissionen trotz des fehlenden Anhaltskatalogs arbeiten können.
„Letztlich geht es ums Geld“
Matthias Schwarz aus der Gruppe der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt sagte laut Mitteilung, für ihn zeige sich am Umgang mit der Orientierungshilfe, „dass immer noch das Geld wichtiger ist als die Menschen, denen Gewalt angetan wurde“. „Denn letztlich, so habe ich es auch in mancher Diskussion erlebt, geht es ums Geld.“ Betroffene befürchten, dass über den Katalog eine obere Grenze für Leistungen eingezogen werden soll, die laut der neuen Richtlinie eigentlich nicht vorgesehen ist.
Besonders schwer zu verstehen sei, dass der Anhaltskatalog nicht nur mit Betroffenen, sondern gemeinsam mit EKD und Diakonie erarbeitet worden seien, schreiben die Betroffenen. Wenn das Ergebnis am Ende trotzdem nicht beschlossen werde, stelle sich sehr deutlich die Frage, wie verbindlich solche Prozesse eigentlich sind. „Wenn selbst gemeinsame erarbeitete Ergebnisse keinen Bestand haben, ist das für mich eine rote Linie. Dann verliert Aufarbeitung ihre Verbindlichkeit“, sagte Betroffenenvertreter Detlev Zander.

