
Frankfurt a.M. (epd). Alarmanlagen und Videotechnik - Kirchengemeinden ergreifen Maßnahmen gegen Vandalismus. Neben Kontrollen durch Ehrenamtliche setzen sie auf Überwachungstechnik und bauliche Sicherungen wie Gitter, um ihre Gebäude zu schützen. Das ergab eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) unter den insgesamt 47 evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümern in Deutschland. Demnach bleiben Einbrüche, Diebstähle, Verwüstungen und Beschaffungskriminalität eine anhaltende Belastung. Umfassende Zahlen zu einer Zu- oder Abnahme der Delikte konnten die meisten Kirchen jedoch nicht angeben, weil diese nicht zentral erfasst werden.
Die möglichen Sicherungsmaßnahmen sind vielfältig. Im Zuge von Umbauten können Sicherheitsglas oder verstärkte Türen eingesetzt werden, Opferstöcke können diebstahlsicher gestaltet werden. Anti-Graffitibeschichtungen an den Fassaden kommen ebenfalls zum Einsatz.
Der Geschäftsführer des Versicherungsdienstleisters Ecclesia, Lutz Dettmer, beobachtet keine Zunahme bei Fällen von Zerstörungswut in Kirchen. „Dass in Kirchen eingedrungen und etwa ein Opferstock aufgebrochen wird, das passiert selten“, sagt er dem epd. Die Ecclesia wird von einem Großteil der Landeskirchen und Bistümer in Deutschland über Einbruchdiebstähle in Kirchengebäuden in Kenntnis gesetzt, nicht aber über andere Akte von Vandalismus, wie eingeworfene Kirchenfenster oder Graffiti.
Vandalismus an Kirchen in Deutschland reicht von Graffiti und eingeritzten Hakenkreuzen bis hin zu Brandstiftungen. Im Juli war durch Brandstiftung ein Feuer in Deutschlands größter Holzkirche in Clausthal-Zellerfeld ausgelöst worden. Fassade und Dachstuhl wurden beschädigt.
Hohe Schäden entstehen insbesondere durch aufgebrochene Opferstöcke. Dabei werden mitunter auch Wertgegenstände wie Altarschmuck, Kerzenständer, Altarbibeln, Kollektenkästen oder technische Geräte entwendet. Zudem berichten Gemeinden von Glasschäden an Fenstern und Schaukästen sowie von Beschädigungen an Feldkapellen. Insgesamt zählen Sachbeschädigungen, Diebstähle sowie Verunreinigungen, auch durch Fäkalien, zu den häufigsten Delikten. Ebenfalls genannt wurden politisch oder religiös motivierte Schmierereien.
Einige Bistümer und Landeskirchen nehmen aber durchaus eine Zunahme von Respektlosigkeit und mutwilligen Beschädigungen wahr. Im Erzbistum Paderborn wurden zwischen dem 1. August 2024 und dem 31. Juli 2025 insgesamt 65 Schadenfälle mit Bezug auf mutwillige Sachbeschädigung gemeldet, darunter 21 Gebäudebeschädigungen und 23 Fälle von Vandalismus. Die Schadensumme belief sich auf knapp 104.000 Euro. Im Jahr 2014 waren lediglich zehn Schadensfälle erfasst worden, die Schadenssumme lag damals bei rund 21.500 Euro. Die evangelische Landeskirche Sachsens berichtet trotz zuletzt rückläufiger Fallzahlen von einer weiter hohen Belastung. 55 Fälle von mutwilliger Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Diebstahl und Brandstiftung kamen zur Meldung.
Im Bistum Regensburg und im Erzbistum Köln sieht man zunehmend Lust an der Beschädigung in sakralen Räumen. Aus der Pressestelle des Erzbistums Köln heißt es, grundsätzlich scheine eine gewisse Unwissenheit oder Respektlosigkeit gegenüber sakralen Gebäuden und Gegenständen zuzunehmen. In Köln sei zudem erkennbar, dass sich Diebstähle im Zusammenhang mit Beschaffungskriminalität in Kirchen und Kapellen häuften. In Regensburg beobachtet man zudem Übergriffe wie das Umstoßen von Heiligenfiguren oder Kerzenständern, das Urinieren in Kirchenräumen, das Köpfen von Madonnenfiguren oder Abbrechen etwa von Hirtenstäben bei Heiligenfiguren.
In Regensburg zieht man deswegen auch Konsequenzen. In zahlreichen Pfarrgemeinden werden Kirchen nur noch zu Gottesdienstzeiten oder in Anwesenheit ehrenamtlicher Aufseher geöffnet. Aber diese, wie auch hauptamtliche Mitarbeiter, könne man nicht zwölf Stunden am Tag verpflichten. Leider bleibe oft nur die Möglichkeit, Gotteshäuser nur in Kernzeiten zu öffnen und ansonsten verschlossen zu halten. „Das aber entspricht nicht unserem Prinzip eines Ortes des Gebets, einem Ort, der den Menschen offen stehen soll“, erklärt Pressesprecher Jakob Schötz. „Die beste Alarmanlage ist der Beter!“ - so laute ein Ausspruch des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer.

Hünstetten (epd). Die Bitte von Pfarrerin Daniela Opel-Koch klingt ungewöhnlich: „Da, wo es wehtut, erhöhen Sie bitte den Druck.“ Vereinzelt ist leises Aufstöhnen zu hören, ansonsten konzentrierte Stille. Der evangelische Gottesdienst ist so anders wie die Worte der Pfarrerin - im Hünstetter Ortsteil Wallrabenstein im südhessischen Rheingau-Taunus-Kreis sind rund 70 Menschen aller Altersklassen zu einem Fußpflegegottesdienst zusammengekommen. Lieder, Lesung, Predigt, das Körperteil zieht sich konsequent durch die Veranstaltung.
In Wallrabenstein ist der Fußpflegegottesdienst in der kleinen Dorfkirche ein Experiment. Die Gemeinden in der Region haben gemeinsam die Sommerkirchen-Reihe „unterwegs“ organisiert. Unterwegs zu sein, passe thematisch zu den Füßen, sagt die Idsteiner Pfarrerin Opel-Koch dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie kommen vielfach in der Bibel vor und ermöglichten eine ganzheitliche Erfahrung. „Die Menschen fühlen sich von Gottesdiensten angezogen, bei denen sie mit ihren Bedürfnissen und ihrer Lebenssituation wahrgenommen werden“, beobachtet die Theologin.
Am Eingang hatten alle Besucherinnen und Besucher einen Tennis- oder Igelball bekommen sowie eine rosafarbene Serviette mit einem Babyfuß-Motiv. Nach Psalmlesung und Gebet wird deutlich, wozu. Die Seelsorgerin fordert dazu auf, die Schuhe auszuziehen und einen Fuß auf den Ball zu stellen, den Schmerzpunkt zu suchen und dort den Druck zu erhöhen. Ziel ist, sich etwas Gutes zu tun, unter anderem dann, wenn sich eine Verspannung löst und der Schmerz nachlässt. „Die Füße sind ein krasses Geschenk Gottes“, sagt Opel-Koch und appelliert: „Verwöhnt eure Füße!“
Die Podologin Aleksandra Malecki sagt während des Gottesdienstes, dass sie vieles von den Füßen eines Menschen ablesen könne. Das gelte für Krankheiten sowie auch für Lebensarten.
Die Pfarrerin lässt die Gemeinde in den Bankreihen von den Zehenspitzen auf die Fersen wippen und die Serviette mit den Füßen aufheben. „So einen lebendigen Gottesdienst habe ich noch nie erlebt“, lobt Manuela Gerlich hinterher. Sie ist mit ihrer Freundin aus Mainz gekommen und freut sich über die Aufmerksamkeit für die Füße. „Sie tragen uns durchs Leben, und wir vergessen sie ständig“, sagt sie. Ihre Freundin Ellen Engelmann freut sich über das Gemeinschaftserlebnis: „Alle haben mitgemacht, das ist mega!“
In ihrer Predigt war Opel-Koch auf den biblischen Vers „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ eingegangen. Darin liege der Wunsch und die Gewissheit, „dass Gott uns dabei unterstützt, unseren Weg zu finden“, die eigenen Stärken und Besonderheiten auszuleben. Deshalb werde der Vers häufig als Tauf- oder Trauspruch gewählt. „Gott gibt Chancen und Möglichkeiten der Entfaltung, des Abenteuers, er grenzt nicht ein, hält nicht fest“, sondern ermutige, diesen Raum zu erkunden.
Nach dem Gottesdienst nimmt sich die Pfarrerin die Fußwaschung aus dem Johannes-Evangelium zum Vorbild und setzt sich auf einer Wiese hinter der Kirche vor eine Schüssel. Wie Jesus seinen Jüngern nach dem letzten Abendmahl wäscht sie Gottesdienstbesuchern die Füße. „Jesus möchte wertschätzen, ehren und verwöhnen und dazu motivieren, es genau so weiterzugeben“, interpretiert sie die Fußwaschung. Der 13-jährige Oskar findet das gut. Nach der Waschung fühlt er sich wohl und hat die Pfarrerin „ein bisschen besser kennengelernt“.
Kirchenvorsteherin Bärbel Gerheim knetet derweil die Füße derjenigen, die sich vor ihr auf einer Liege ausstrecken. Melanie Grußbach hat die Massage „sehr genossen“, wie sie sagt. Ihr Sohn sei Konfirmand, sie schaue bewusst nach besonderen Gottesdiensten, damit er auch diese kennenlerne.
Peter Meyer, Leiter des Zentrums Verkündigung in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, betont den Demutsaspekt der Fußwaschung. Der Meister beuge sich herab zu seinen Jüngern und wasche „Körperteile, die durch den Dreck gelaufen sind“. Durch die Konzentration auf die Sakramente und das Wort habe das Ritual der Fußwaschung in der evangelischen Kirche an Bedeutung verloren. Reinigungsriten gehörten jedoch zum Kern vieler Religionen. Für den Theologen sind Themengottesdienste dann passend, wenn sie Menschen berühren und in ihrem Glauben erreichen.
Naumburg, Erfurt (epd). Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) stellt sich gegen eine Versetzung des Cranach-Triegel-Altars im Naumburger Dom. Das Landeskirchenamt stehe uneingeschränkt hinter der Naumburger Kirchengemeinde, die sich vor kurzem ebenfalls gegen eine Versetzung des Altars ausgesprochen hatte, sagte Kirchenamtspräsident Jan Lemke am 13. August in Erfurt.
Das Landeskirchenamt verweise wie die Kirchengemeinde auf das Selbstbestimmungsrecht der Kirche im sakralen Raum. Danach stehe die liturgische Ordnung und Gestaltung des Raumes einzig der Kirchengemeinde zu. Dies könne weder von den Vereinigten Domstiftern noch durch den Unesco-Weltkulturerbe-Status außer Kraft gesetzt werden, hieß es.
Im Juli hatten sich die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg, die Unesco und das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt auf einen Kompromiss geeinigt. Demnach darf das Altarretabel weiter im Dom präsentiert werden, aber nicht am bisherigen Standort im Westchor, sondern im Nordquerhaus.
Der ursprünglich zwischen 1517 und 1519 von Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553) geschaffene Altar war im Zuge der Reformation teilweise zerstört worden. Der Leipziger Maler Michael Triegel hatte ihn 2022 um einen Mittelteil ergänzt. Seit Juli 2022 war der Altar im Westchor des Domes zu sehen.
Die Unesco ist der Auffassung, durch das Retabel werde der Blick auf die berühmten Stifterfiguren im Westchor verdeckt, insbesondere auf die Uta von Naumburg. Die Kirchengemeinde argumentiert hingegen, die Figuren richteten ihre Blicke gerade auf das liturgische Zentrum - den Altar.

Hannover (epd). Der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Frank Kopania, hat am 12. August eine Nahost-Reise beendet. Teil des Programms war nach EKD-Angaben ein Besuch der Gedenkstätte des Nova-Festivals im Süden Israels, bei dem am 7. Oktober 2023 mehr als 360 Menschen beim Terrorangriff der Hamas getötet worden waren. Viele weitere wurden verletzt und von der Hamas als Geiseln in den Gaza-Streifen verschleppt. Kopania hat zum 1. Juli die Nachfolge von Petra Bosse-Huber angetreten, die Ende Juni in den Ruhestand gegangen war.
„Das Leid des einen wird nicht kleiner, wenn wir das Leid des anderen anerkennen“, erklärte Kopania, der mit führenden Vertretern der christlichen Kirchen im Heiligen Land sprach. Ein geplanter Solidaritätsbesuch in Taybeh, dem christlichen Dorf in der Westbank, das unter anhaltender Gewalt militanter Siedler leidet, wurde den Angaben zufolge wegen eines Vorfalls in der Umgebung vom Reiseprogramm genommen.
Nach einem Treffen mit dem Präsidenten der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt, betonte Kopania die Bedeutung des interreligiösen Austauschs. Der Auslandsbischof trägt nach eigenen Angaben die organisatorische Verantwortung für die Beziehungen zu den rund 100 mit der EKD verbundenen deutschsprachigen Gemeinden im Ausland und 60 Partnerkirchen.

Potsdam (epd). Ein kompakter sandfarbener Turm, dem noch die Spitze fehlt: Vor einem Jahr wurde in Potsdam nach fast sieben Jahren Bauzeit der neue Garnisonkirchturm eröffnet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Schirmherr des Vorhabens, war dabei und viele andere Gäste. Seitdem wird das bislang rund 60 Meter hohe Bauwerk für Demokratiebildung und andere Veranstaltungen, für Kultur und Gottesdienste genutzt und bietet Interessierten auch eine Ausstellung zur Geschichte und eine Aussichtsplattform.
Am historischen Ort der 1945 ausgebrannten und in der DDR beseitigten evangelischen Kirche, die als Symbolort demokratiefeindlicher Kräfte gilt, wird für die Zukunft gearbeitet. In der Trägerstiftung wird das erste Jahr als Erfolg gewertet. Er sei mehr als zufrieden, sagt der kaufmännische Vorstand der Stiftung, Peter Leinemann: „Inhaltlich gibt es ein absolut positives Echo.“
Der Holocaust-Überlebende George Shefi aus Israel war zu Zeitzeugengesprächen mit Jugendlichen zu Gast und hat sich dort mit fast 200 Schülerinnen und Schülern getroffen. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, der EKD-Friedensbeauftragte Friedrich Kramer und der frühere Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), haben über Krieg und Frieden diskutiert. Zwei Altbundespräsidenten wurden im Turm empfangen.
Jeden Monat kämen etwa 450 bis 650 Menschen zu den Veranstaltungen, sagt Leinemann, der zunächst ehrenamtlich für die Stiftung gearbeitet hat und seit 2013 als hauptamtlicher Vorstand im Einsatz ist. Doch diese Gäste tragen nichts zur Finanzierung bei. Um den Betrieb zu stemmen und die fünf Millionen Euro kirchlichen Kredite für das rund 44 Millionen Euro teure und zu einem großen Teil mit Bundesmitteln finanzierte Bauwerk zurückzahlen zu können, werden Eintrittgelder benötigt, die diejenigen zahlen, die auch die Aussichtsplattform besuchen. Und da hapert es noch.
Nicht weit entfernt gehen an diesem Tag Besucherinnen und Besucher im Barberini-Museum ein und aus. Die 18-jährige Rem aus Berlin hat sich die Pissarro-Ausstellung angesehen. Den Garnisonkirchturm kenne sie nicht, sagt sie. Und hingehen werde sie „eher nicht“. Auch ein Ehepaar aus Winsen an der Luhe, als Potsdam-Touristen unterwegs, kennt den Turm nicht und hat auch kein großes Interesse daran. Ein anderes Paar aus Frankfurt am Main weiß mit dem Garnisonkirchturm ebenfalls nichts anzufangen und will ihn sich auch nicht ansehen. Ein Mann aus Wandlitz zeigt sich ratlos. „Jetzt werde ich das mal googeln“, sagt er noch und geht weiter.
„Bei den Besucherzahlen sind wir noch steigerungsfähig“, sagt Leinemann vorsichtig. Genaue Zahlen will er nicht nennen. Erst soll ein volles Jahr Turmbetrieb herum sein, von Januar bis Dezember, dann soll Bilanz gezogen werden. Bei Umfragen habe sich herausgestellt, dass viele Menschen, die Potsdam besuchen, trotz der medialen Aufmerksamkeit für den Wiederaufbau gar nicht wissen, dass es den Turm gibt, betont Leinemann: „Deshalb haben wir jetzt nochmal die Marketingmaschine angeworfen.“
An der Balustrade der Aussichtsplattform hängt jetzt ein großes Banner, auf dem „Panorama“ steht. Plakate mit der Aufschrift „Schönstes Potsdam-Panorama“ sollen zusätzlich Interesse wecken. Auch das noch ausstehende Baugeschehen könnte für Aufmerksamkeit sorgen. Bis zum Frühjahr 2027 soll die rund 30 Meter hohe Turmhaube neben dem Garnisonkirchturm gebaut und dann mit einem großen Kran aufgesetzt werden.
Doch bei den Arbeiten gibt es Verzögerungen. Die Ausschreibung musste wiederholt werden, ein unterlegener Bewerber hatte sich beschwert. Dann mussten Planungsdetails überarbeitet und einige Stellen neu vermessen werden. „Da geht es um Millimeter“, sagt Leinemann. Nun seien noch ein paar neue statische Berechnungen nötig. Wann neben dem Turm mit den Arbeiten an der Haube begonnen wird, sei deshalb noch offen.
Ob auch die Fläche am historischen Standort des Kirchenschiffs irgendwann wieder bebaut wird, steht komplett in den Sternen. Mehrheitsfähige Vorschläge dafür gibt es derzeit nicht. Und Geld ist auch keins da.

Karlsruhe (epd). Links und rechts der Kirchenbänke funkeln Sterne. Glocken läuten die zehnminütige Lichtshow des ungarischen Künstler-Kollektivs „Maxin10sity“ in der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhe ein. Über dem dunklen Altarraum leuchtet plötzlich ein Licht. Lichtstrahlen durchmessen den Raum wie Sonnenstrahlen im Morgennebel und tauchen ihn in ein völlig neues Licht.
Mit ihrer begehbaren Installation „Stellar Sanctuary“ machen die international bekannten Künstler das Kircheninnere zur Projektionsfläche für Medienkunst. Das „Sternenheiligtum“, so die deutsche Übersetzung, lädt zum Eintauchen in neue Welten ein. Damit kein Tageslicht stört, ist die Lichtshow im Rahmen der Karlsruher Schlosslichtspiele erst ab 20.30 Uhr zu sehen.
Elektronische Sphärenklänge, drei lichtstarke Projektoren und künstlicher Nebel lassen virtuelle Räume entstehen. Lichtkreise wandern an den Säulen der Kirche auf und ab. Hinter einem Nebelschleier wird der Altarraum zu einem Tor. Ein Lichtkegel wirkt so, als ob man sich von dort in eine andere Welt beamen lassen könnte.
Andächtig sitzen die meisten Besucherinnen und Besucher in den Kirchenbänken und lassen sich auf die geheimnisvolle Atmosphäre der Licht- und Klangwelt ein. Andere fotografieren oder filmen. Kaum jemand läuft herum, obwohl die Künstler empfehlen, die zehnminütige Lichtshow von verschiedenen Stellen zu sehen. „Spacig, “echt sehenswert„ oder “einfach wow" kommentieren die Gäste.
Licht und Klang sollen eine neue Art der Kontemplation erzeugen, eine „moderne Form der Andacht, bei der Stille, Ruhe und Staunen mit Technologie koexistieren“, erklärt Andras Sass, Creative Director von „Maxin10sity“. Es gehe nicht um ein Spektakel, sondern darum, den sakralen Raum der Kirche zu würdigen und eine neue Bedeutungsebene zu erschließen.
Anders als bei den Schlosslichtspielen, wo das Publikum die Projektion auf der Schlossfassade betrachte, seien die Menschen jetzt mittendrin im Kunstwerk und ein Teil davon, erklärt der Medienkünstler. Er könne sich keinen besseren Ort als eine Kirche vorstellen, um die Bedeutung des Lichts für die Menschheit darzustellen.
Die Künstler sind seit Beginn der Schlosslichtspiele im Jahr 2015 mit dabei. Vor wenigen Wochen präsentierten sie eine Lichtinstallation in New York bei den Feierlichkeiten zum US-amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli.
Die 1816 von Friedrich Weinbrenner erbaute „Bischofskirche“ der Evangelischen Landeskirche lockte bereits im vergangenen Jahr mit einem Kunst-Highlight. Mehr als 90.000 Menschen sahen die Installation „Gaia“ des international bekannten britischen Künstlers Luke Jerram, eine detailgetreue Nachbildung der Erde.
Pfarrerin Claudia Rauch freut sich über die Kooperation mit den diesjährigen Schlosslichtspielen: „Kunst in der Kirche predigt auf eine Art.“ Sie verändere den Raum und lasse einen Ort für neue Perspektiven, Gedanken und Fragen entstehen. „Das Licht wird zum Symbol für Erkenntnis, es macht das Verborgene sichtbar und regt zum Nachdenken an“, schreiben die Veranstalter.
Wer sich darauf einlässt, erlebt Licht ganz neu - auch auf dem Heimweg durch die warme Sommernacht. Die Sterne, das Leuchten der Straßenlaternen und die Lichtkegel der Autoscheinwerfer wirken auf einmal wie eine einzigartige Lichtshow.
Stuttgart (epd). Die Versuchung ist groß: Anstatt sich viele Stunden auf die Sonntagspredigt vorzubereiten, lässt sich mithilfe Künstlicher Intelligenz bereits heute zu jedem Bibeltext eine fertige Predigt erstellen. Die württembergische evangelische Kirchenrätin Evelina Volkmann sieht dieses Verfahren allerdings sehr kritisch. Die von einer KI erstellten Texte seien oft oberflächlich, theologisch bedenklich und unpersönlich, sagte Volkmann dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Stuttgart. KI könne die Predigtvorbereitung zwar unterstützen, doch nur, wenn der Mensch die Kontrolle behalte.
Ein entscheidendes Manko sei der fehlende persönliche Bezug, so die Expertin. Eine KI kenne die Gemeinde vor Ort nicht. Die Ergebnisse blieben daher stets allgemein. Volkmann stellt eine grundlegende Frage an Predigende: „Wie kann ich glaubwürdig einer Gemeinde gegenübertreten, wenn ich ihr meine eigene theologische Reflexion schuldig bleibe?“ Der persönliche, geistliche Prozess der Predigtvorbereitung lasse sich nicht ersetzen.
Laut Volkmann zeichnen sich KI-Predigten dadurch aus, dass sie „viele Fundstücke zum Bibeltext mehr oder weniger beliebig und ohne inneren Bezug aneinanderreihen“. Gedanken würden nicht zu Ende geführt. Zudem fänden sich zahlreiche sachliche Fehler. So habe die KI in einem Test ein zentrales Prinzip der Reformation verwechselt. Volkmann berichtet auch von theologisch bedenklichen Inhalten und sogar von Antijudaismen, die widersprüchlich neben wertschätzenden Aussagen über das Judentum standen. Dies zeige, dass die Technologie keine logischen Zusammenhänge herstellen könne.
Trotz der Risiken sieht Volkmann Anwendungsmöglichkeiten. Erfahrene Pfarrerinnen und Pfarrer könnten die KI nutzen, um aus einer fertigen Gliederung einen Text auszuformulieren oder die eigene Predigt sprachlich zu überarbeiten, damit sie besser für die Zielgruppe passt. Ihr Fazit: „Wer das Predigen beherrscht, kann KI als Hilfsmittel verwenden.“ Im Pfarramt wird die Technologie laut Volkmann bereits für andere Aufgaben eingesetzt, etwa um Gebete zu erstellen - oft mit zufriedenstellenden Ergebnissen.

Kassel (epd). Die evangelische Pfadfinderschaft appelliert an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und ihre 20 Gliedkirchen, trotz des Spardrucks den Jugendverband auch zukünftig zu unterstützen. Für eine gute Jugendarbeit in den rund 600 Ortsgruppen des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) seien neben Zuschüssen vor allem auch Räume in den Kirchengemeinden nötig, sagte Geschäftsführer Till Strang in Kassel dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Räume für die Jugendarbeit schwinden, das ist ein Problem.“
Durch Kürzungen von Finanzmitteln seien jahrzehntelang gewachsene Strukturen des evangelischen Jugendverbands gefährdet, sagte Strang. Zudem werde es immer schwieriger, junge Menschen für die Leitung von Pfadfindergruppen zu gewinnen. Nötig sei daher ein Mentoring-Programm, das jüngere und ältere Ehrenamtliche bei ihren Leitungsaufgaben unterstützt. Im VCP sind nach eigenen Angaben bundesweit mehr als 21.000 Mädchen und Jungen, Frauen und Männer aktiv.
Strang kritisierte, die Kirche nehme junge Menschen oft nicht in den Blick. „Wir brauchen gute Angebote für sie.“ Gerade die evangelischen Pfadfinder und Pfadfinder identifizierten sich mit der Kirche. „Sie werden auch Kirchensteuerzahler sein“, erinnerte er.
Anders als viele Jugendverbände oder Vereine wachse der VCP, sagte Strang. Im vergangenen Jahr sei die Mitgliederzahl um 1,8 Prozent auf 21.700 angestiegen. Evangelisches Pfadfinden sei für viele Kinder und Jugendliche sowie deren Familien attraktiv. Jeder könne sich unabhängig von seiner Herkunft, Religion oder seinen Talenten einbringen und habe seinen Platz. Pfadfinder erprobten in ihren Gruppen auch das demokratische Zusammenleben und erführen, „dass ihre Stimme einen Wert hat“, sagte Strang.
Für den Herbst kündigte der VCP-Generalsekretär die Präsentation einer unabhängigen Studie zu sexuellem Missbrauch im Verband in der Zeit von 1973 bis 2020 an. Als ein Ort der Jugendarbeit wolle man „noch sicherer sein“, sagte Strang. Ihre wichtigsten Aufgaben sieht die evangelische Pfadfinderschaft in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen auf christlicher Basis zu Toleranz, Demokratie, Frieden, Internationalität sowie im Schutz von Natur und Umwelt.

Mannheim (epd). Der berühmte Merkel-Satz „Wir schaffen das!“ in der Flüchtlingskrise von 2015 erfüllt aus Sicht des Sprachforschers Henning Lobin mehrere Merkmale für eine ikonische Politiker-Aussage. Die „wohl spontane“ Äußerung der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe alles, was berühmte politische Slogans ausmache: Sie sei einfach, kurz und damit einprägsam, sagte der Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Als ein vergleichbares Beispiel nannte er den Wahlkampf-Slogan „Yes we can“ des früheren US-Präsidenten Barack Obama. Solche ikonischen Sätze, die im Gedächtnis bleiben, zeichne aus, „dass sie Wahrheiten wie unter einem Brennglas zusammenfassen“. Den Satz „Wir schaffen das!“ sagte Merkel am 31. August 2015 bei einer Pressekonferenz in Berlin. Sie sprach über die Herausforderungen durch die immer weiter steigende Zahl von Flüchtlingen.
Merkels Drei-Wort-Satz bleibe allerdings vage. Durch die fehlende Konkretisierung der Bedeutung bleibe Raum für Interpretation, aber auch Kritik. So bleibe offen, wen die ehemalige Kanzlerin genau mit „wir“ meine. Das könnten staatliche Stellen, die Kommunen oder die Gesellschaft als Ganzes sein, sagte Lobin.
Auch das Handlungsverb „schaffen“ habe eine sehr allgemeine Bedeutung. Es beschreibe eine nicht näher definierte Tätigkeit, ähnlich wie die Wörter „tun“ oder „machen“. Auf welche konkreten Handlungen sie sich damit beziehe, bleibe unklar.
Allerdings habe das Verb „schaffen“ auch eine positive Bedeutung, im Sinne von „wir bekommen etwas erledigt, es wird etwas getan und erfolgreich zum Abschluss gebracht“. Dies könnte als Ermutigung interpretiert werden, so der Sprachforscher. In diesem Zusammenhang habe Merkel auch davon gesprochen, dass Deutschland ein starkes Land sei.
Das Ziel, das damit erreicht werden solle, beschreibe Merkel ebenfalls nicht konkreter. Offen bleibe, ob es ihr dabei um die Unterbringung der vielen Flüchtlinge gegangen sei oder deren Integration in die deutsche Gesellschaft.
Anders als vergleichbare Slogans wie „Mehr Demokratie wagen“ oder „Wir sind das Volk“ habe Merkels Satz auch viel Kritik hervorgerufen und sei ins Gegenteil verkehrt worden. So habe der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland den Satz mit „Wir schaffen das nicht. Wir wollen das gar nicht schaffen“ aufgegriffen und verfremdet.
Heute müssten Politikerinnen und Politiker bei ihren Äußerungen - anders als 2015 - immer die sozialen Medien in den Blick nehmen, so der Sprachwissenschaftler. Besondere Aussprüche würden dort sofort aufgegriffen und zu Memes und Kurzvideos verarbeitet. Deshalb würden die Gestik, Ausdruck und Performanz immer wichtiger.
Politiker sollten sich vorab überlegen, wie Äußerungen aufgegriffen werden könnten, um „tiktokisierbar“ und Instagram-tauglich zu sein, rät Lobin. Das gelinge momentan der Linken-Politikerin Heidi Reichinnek mit ihren Beiträgen im Bundestag besonders gut.

Berlin (epd). Die wieder eingeführten Kontrollen an den deutschen Landesgrenzen haben von Mitte September 2024 bis Ende Juni dieses Jahres nach Angaben des Bundesinnenministeriums 80,5 Millionen Euro gekostet. Pro Quartal lagen demnach die Mehrkosten für den Einsatz der Bundespolizei an den Binnengrenzen zwischen 24 und 29,1 Millionen Euro, wie aus einer Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervorgeht, die dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt.
Der größte Posten ist dem Ministerium zufolge die Vergütung von Überstunden. Von Mitte September 2024 bis Ende Juni 2025 fielen demnach 37,9 Millionen Euro zusätzliche einsatzbedingte Kosten an. Für Hotelunterbringung und Verpflegung wurden 22,8 Millionen Euro aufgewendet. Schicht-Zulagen kosteten rund sieben Millionen Euro, „Führungs- und Einsatzmittel“ 6,8 Millionen Euro und der Betrieb der Grenzstationen knapp sechs Millionen Euro. Laut Behördenangaben sind inzwischen bis zu 14.000 Bundespolizisten an den Landesgrenzen im Einsatz.
Am 16. September 2024 hatte die Bundespolizei mit vorübergehend wiedereingeführten Grenzkontrollen begonnen, um „irreguläre Migration“ einzudämmen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte in der vergangenen Woche an, die Kontrollen erneut zu verlängern.
Laut der Antwort der Bundesregierung wiesen Bundespolizisten vom 8. Mai bis zum 4. August insgesamt 493 Menschen an den Landesgrenzen zurück, obwohl diese ein Asylgesuch gestellt hatten. Das Berliner Verwaltungsgericht hatte in den Fällen von drei Menschen aus Somalia, die an der deutsch-polnischen Grenze zurückgewiesen wurden, entschieden, dass die Praxis rechtlich nicht zulässig sei. Dobrindt hält dennoch an den Zurückweisungen fest.
Die Linkspartei forderte, die Grenzkontrollen umgehend zu beenden. Die „rechtswidrige Grenzen-dicht-Politik von Merz und Dobrindt“ habe ausschließlich negative Auswirkungen, erklärte die innen- und fluchtpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Clara Bünger. Sie erschwere Asylsuchenden die Flucht, führe zu Verkehrschaos in den Grenzregionen, belaste Grenzpendlerinnen und Grenzpendler und verursache noch dazu enorme Kosten. Die Zurückweisungen von Asylsuchenden verstießen gegen EU-Recht.
Berlin, Washington (epd). Die Bundesregierung weist die Vorwürfe des US-Außenministeriums über eine Begrenzung der Meinungsfreiheit zurück. „Wir sehen die Presse- und Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts am 13. August in Berlin. Deutschland sei eine „gefestigte Demokratie mit einem sehr breiten Schutz der Meinungsfreiheit“, in der keine Zensur stattfinde, ergänzte Regierungssprecher Steffen Meyer. Die USA werfen Deutschland in einem neuen Bericht „Begrenzungen der Meinungsfreiheit“ vor, sprechen von „Zensur“ auf Online-Plattformen sowie von Versäumnissen beim Kampf gegen Antisemitismus.
Laut dem jährlichen Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums, der am Dienstag (Ortszeit) veröffentlicht wurde, hat sich die Menschenrechtslage in Deutschland im vergangenen Jahr verschlechtert. Ebenso in Großbritannien und Frankreich.
In dem US-Bericht wird auch der Umgang der deutschen Behörden mit Antisemitismus kritisiert. Die US-Regierung bemängelt, dass deutsche Behörden antisemitische Straftaten vorrangig Rechtsextremen zuordneten, während der Anteil muslimischer Migranten an solchen Taten angeblich unzureichend erfasst werde. Hierzu sagte Meyer: „Die Bundesregierung bekämpft Antisemitismus in all seinen Formen.“ Antisemitismus sei in jeder Form inakzeptabel.
Auch der Unionsfraktionsvorsitzende Jens Spahn wies die Kritik wegen angeblich mangelnder Meinungsfreiheit in Deutschland zurück. „Jeder kann in Deutschland sagen, was er denkt. Das ist ein freies Land“, sagte der Politiker im Interview mit dem Sender Welt-TV. Gleichzeitig betonte er, dass es selbstverständlich Grenzen gebe - etwa bei Straftaten oder Beleidigungen. Spahn warnte zugleich vor einer zu starken Einschränkung des Diskurses und forderte, gesellschaftliche Debatten nicht vorschnell zu tabuisieren. Als Beispiel nannte er die irreguläre Migration.
Nicht nur in Deutschland, auch von US-amerikanischen Menschenrechtlern kommt deutliche Kritik an dem Bericht für das Jahr 2024. Von der Regierung unter Präsident Donald Trump eingeführte Veränderungen seien ein „radikaler Bruch“ mit der Vorgehensweise, die Menschenrechtslage in jedem Land der Welt „objektiv und unparteiisch“ zu beschreiben, sagte die Präsidentin von Human Rights First, Uzra Zeya.
Die Direktorin für Regierungsbeziehungen bei Amnesty International in den USA, Amanda Klasing, warf dem Außenministerium eine „sehr selektive Dokumentation“ vor. Eine Sprecherin von „Human Rights Watch“ sagte, schwere Menschenrechtsvergehen verbündeter Regierungen würden vertuscht. Laut „New York Times“ wurden Berichte über die „engen Partner“ El Salvador, Ungarn, Saudi-Arabien, Vereinigten Arabische Emirate und Israel abgemildert.
Es habe im Jahr 2024 „keine glaubhaften Berichte über bedeutende Menschenrechtsvergehen“ in El Salvador gegeben, heißt es im Bericht unter anderem. Die Regierung Trump hat Migranten, die angeblich straffällig geworden sind, aus Venezuela nach El Salvador abgeschoben. Dort sind sie in einem international kritisierten Hochsicherheitsgefängnis eingesperrt worden.
Frankfurt a.M. (epd). Eine saubere Umwelt ist ein Menschenrecht, Klimaschutz eine völkerrechtliche Pflicht: Mit seinem Gutachten vom 23. Juli hat der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag Rechtsgeschichte geschrieben. Erstmals legte das höchste UN-Gericht fest, dass alle Staaten zum Schutz des Klimas verpflichtet sind - und für ihre Untätigkeit grundsätzlich auch haftbar gemacht werden können. Das Gutachten gibt damit einer globalen Bewegung von Klägerinnen und Klägern Rückenwind, die juristisch Druck macht, weil politisch zu wenig passiert.
Weltweit nehmen solche Klimaklagen zu. Laut einem Bericht des Londoner Grantham Research Institute wurden seit 1986 rund 3.000 Fälle eingereicht, davon 226 allein im vergangenen Jahr. Deutschland zählt demnach zu den Ländern mit besonders vielen Verfahren. Unter Klimaklagen fallen sowohl Verfahren gegen Unternehmen als auch der Versuch, Regierungen juristisch zu mehr Klimaschutz zu bewegen.
Mit dem Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichtes wurde in Deutschland bereits 2021 ein Präzedenzfall geschaffen: Erstmals bezogen die Richterinnen und Richter die Freiheitsrechte künftiger Generationen ein und verpflichteten die Regierung, über das Jahr 2030 hinaus konkrete Reduktionsziele vorzulegen.
Doch die Euphorie ist inzwischen gedämpft. „Die Gerichtsbarkeit kann nur Anstöße geben“, sagt die Klimarechtsexpertin Jannika Jahn vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. „Die Justiz ist dazu da, den rechtlichen Rahmen vorzugeben - die Politik muss ihn ausfüllen.“ Umweltschützer kritisieren die Klimapolitik der Bundesregierung und Kanzler Friedrich Merz (CDU) als zu ambitionslos.
Auch zivilrechtliche Verfahren gegen Unternehmen bleiben mühsam. Ein Beispiel ist der Fall des peruanischen Bergbauern Saúl Luciano Lliuya, der den Energiekonzern RWE für Klimaschäden in den Anden mitverantwortlich machen wollte. Nach mehr als zehn Jahren Rechtsstreit wurde die Klage im Mai 2025 abgewiesen - und dennoch gilt der Fall als Teilerfolg: Denn das Oberlandesgericht Hamm stellte grundsätzlich fest, dass Unternehmen für Klimaschäden mitverantwortlich gemacht werden können. Nur sah es in dem konkreten Fall keine ausreichenden Belege für eine Gefährdung des Grundstücks des Klägers. Laut Grantham-Institut werden global derzeit mehr als 80 Klagen auf Grundlage des Verursacherprinzips verhandelt.
Erfolgversprechender sind laut Jahn Klagen gegen Staaten. So hat etwa der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) den Schutz vor Klimarisiken als Grundrecht anerkannt. Im April urteilte der EGMR, dass die Schweiz ältere Frauen unzureichend vor den Folgen der Erderwärmung schützt und somit ihr Recht auf Privatleben und Gesundheit verletzt. Ein Gutachten des Interamerikanischen Gerichtshofs von Anfang Juli geht sogar noch weiter: Es erklärt das Menschenrecht auf Klimaschutz zum „ius cogens“, also zum zwingenden Völkerrecht, von dem es keine Ausnahmen gibt.
Solche Entscheidungen wirken - ähnlich wie das Klimagutachten des Internationalen Gerichtshofs - auf die Länder zurück. „Deutschland ist verfassungsrechtlich verpflichtet, auch international ausgerichtet zu handeln und seinen Beitrag zum globalen Klimaschutz zu leisten“, sagt Francesca Mascha Klein, Rechtsreferentin bei Germanwatch. Diese Pflicht ergebe sich direkt aus dem Grundgesetz. Die Umweltorganisation hat im vergangenen Herbst zusammen mit Greenpeace eine Verfassungsbeschwerde gegen die Reform des Klimaschutzgesetzes eingereicht; andere Umweltgruppen klagen ebenfalls und fordern etwa verschärfte Klimaziele und konkrete Maßnahmen im Verkehrssektor. Eine Entscheidung steht noch aus.
Allerdings lässt sich Klimaschutz nicht nur einklagen - er wird auch juristisch blockiert. „Klimaklagen sind keine Einbahnstraße“, warnt Umwelt- und Rechtswissenschaftlerin Joana Setzer vom Grantham-Institut. „Sie können den Klimaschutz voranbringen, aber auch ausbremsen.“ In den USA etwa wurden mehrere Klimagesetze mit Klagen verzögert oder ausgehebelt. „Das stellt Politik, Unternehmen und Aktivisten vor neue Herausforderungen“, sagt Setzer.

Hannover (epd). Prüfend lässt Anke Seegert den Blick über die buchsbaumgesäumten Beete schweifen, die sich in streng geometrischen Linien durch den Großen Garten ziehen. Die Blumen stehen gut im Saft, es hat viel geregnet die letzten Tage. Dahlien und Tagetes, Salbei und Canna strahlen um die Wette. Doch Seegert, seit drei Jahren Gartendirektorin, hat eine Melde erspäht, ein Wildkraut, das hier nicht hingehört. Spontan steigt sie ins Beet und zupft das Kraut heraus. „Es juckt mich in den Fingern, ich kann gar nicht anders.“ Picobello sollen die Beete aussehen, besonders in diesem Jahr. Denn der Große Garten, Keimzelle und Kernstück der Herrenhäuser Gärten in Hannover, feiert sein 350-jähriges Bestehen.
Der Welfen-Herzog Johann Friedrich setzte 1675 den ersten Spatenstich für den Garten vor seiner Sommerresidenz, dem damals frisch errichteten Schloss Herrenhausen bei Hannover. Heute gehört die Anlage zu den bedeutendsten Barockgärten Europas - 2015 wurde er als bester historischer Garten ausgezeichnet. Ein genaues Gründungsdatum ist nicht überliefert, doch am 23. August soll das Jubiläum in Hannover mit einem großen Sommerfest gefeiert werden.
„Die Herrenhäuser Gärten sind ein Ort, der Geschichte atmet und dennoch offen für die Zukunft ist“, sagt Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne). Für Hannover sind die Gärten, zu denen auch ein Landschaftsgarten und ein Botanischer Garten zählen, der Publikumsmagnet Nummer eins: Rund 600.000 Besucher aus aller Welt lassen sich jedes Jahr von ihrer Blumenpracht verzaubern.
Sie erleben dabei authentische Einblicke in die Gartenkunst des Barockzeitalters. Schnurgerade Wege lenken die Blicke, Beete und Hecken formen sich zu Ornamenten, weiße Sandstein-Figuren aus der griechischen und römischen Mythologie setzen optische Akzente. Hinzu kommen Springbrunnen und Fontänen, Treppen und eine Grotte. Nichts ist hier dem Zufall überlassen, alles ist regelmäßig und symmetrisch angeordnet. Damit folgt der Große Garten dem Geist des Rationalismus: Der Mensch prägt die Natur. Allein die Buchsbaum-Hecken schlängeln sich über 15 Kilometer.
„Dass wir heute noch einen so außerordentlich gut erhaltenen Barockgarten haben, grenzt an ein Wunder“, sagt Seegert, die auch als Professorin für Pflanzenverwendung an der Universität Hannover tätig ist. Denn viele Barockgärten in Deutschland wurden später in Landschaftsgärten umgewandelt. „Das ist in Hannover ausgeblieben.“ Hintergrund ist die sogenannte Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien: 1714 erbten die Welfen-Fürsten den englischen Königsthron und zogen nach London. Der Garten in der alten Heimat blieb unbeachtet zurück. „Als die Welfen 1837 wieder zurückkehrten, beschlossen sie, das Erbe der Väter und Mütter in Ehren zu halten und den Garten so zu belassen, wie er ist.“
Für das rund 50-köpfige Garten-Team bedeutet die Pflege der Anlage heute jede Menge Arbeit. Jäten, Krauten, Wässern: Das ganze Jahr über ist viel zu tun. „Bei uns werden sämtliche verblühten Blüten ausgeputzt, damit es immer schön ist“, erzählt die stellvertretende Gartenmeisterin Maike Schleifer. Im Sommer schneiden ihre Leute rund 20 Kilometer Hainbuchen-Hecken. „Die Akkuschere wiegt acht Kilo. Wenn man die den ganzen Tag trägt, hat man einen doppelten Oberarm.“
Rund 50 Hektar umfasst der Barockgarten, soviel wie 70 Fußballfelder - und jede Woche ist Rasenmähen angesagt. Im Mai und im Oktober wird die gesamte Blumenbepflanzung ausgewechselt, damit der 800 Meter lange Garten im Sommer wie im Winter gut aussieht. Allein im Frühjahr werden 60.000 Blumen per Hand eingesetzt und später wieder ausgegraben. „In den Beeten kann ich ihnen jede einzelne Pflanze zeigen“, sagt die gelernte Staudengärtnerin Schleifer, die schon 43 Jahre lang in den Herrenhäuser Gärten beschäftigt ist.
Dass der Große Garten bis heute so viele Gäste hat, ist auch einer Frau zu verdanken, deren Denkmal zwischen Hecken und Beeten bewundert werden kann: der Kurfürstin Sophie von Hannover (1630-1714). Sie und ihr Mann gaben dem zunächst eher kleinen Garten ab 1680 sein heutiges Aussehen, weil Herzog Ernst August zum Kurfürsten aufrückte und repräsentative Anlagen brauchte. „Der Garten ist mein Leben“, soll Sophie gesagt haben.
Die Fürstin war in Holland aufgewachsen und ließ den Garten im holländischen Stil ausbauen, mit Graften, Wassergräben, an den Seiten. An holländische Vorbilder erinnert auch die Blumenpracht, die heute üppiger ausfällt als zu Zeiten von Kurfürstin Sophie. „Weil die Originalpläne im Krieg verloren gegangen sind, sind wir frei in der Gestaltung“, sagt Direktorin Seegert, die alle Farben und Formen bis ins Detail hinein plant.
Für die Zukunft macht sich das Team vor allem Sorgen wegen des Klimawandels. Aufgrund der vielen Niederschläge sind im Winter schon Pflanzen regelrecht ertrunken. Im Sommer sind die Blumen oft bei großer Hitze der prallen Sonne ausgesetzt. Und wegen des wärmeren Wetters machen sich Pilze und Schädlinge breit, die den Pflanzen zusetzen. „Wenn man über 40 Jahre hier arbeitet“, sagt Gärtnerin Maike Schleifer, „dann sieht man, was inzwischen anders läuft.“ Doch sie ist stolz auf ihren Garten: „Wenn Beet für Beet schön wird, was will man mehr? Das ist der tollste Job, den man haben kann.“

Mainz, Berlin (epd). Mittwochabend, 19 Uhr, der Alte Dom in Mainz füllt sich. Mit Menschen und mit Röcken, Blusen und Hosen. Das Evangelische Dekanat Mainz hat zur Kleid@Night eingeladen. Junge und ältere Frauen und Männer leeren ihre Taschen und hängen mitgebrachte Hemden und Blusen, Hosen und Jacken auf Kleiderständer. Im Laufe des Abends werden sich viele Taschen wieder füllen, denn es geht ums Tauschen.
Organisiert hat diesen und frühere Tauschabende Miriam Heil, Referentin für Gesellschaftliche Verantwortung des Dekanats. Aus ihrer christlichen Verantwortung heraus wolle die Kirche zum Schutz der Umwelt beitragen, sagt sie. Zudem gehe es um soziale Gerechtigkeit. Dass in anderen Ländern „Menschen unter unsicheren Arbeitsbedingungen und zu niedrigsten Löhnen schuften, damit wir billige T-Shirts kaufen können, ist doch nicht in Ordnung“, ärgert sich Heil. Dafür und für den Ressourcenverbrauch von sogenannter Fast Fashion wollen sie sowie ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter ein Bewusstsein schaffen.
Einzelne Modeketten kommen nach den Worten der Referentin inzwischen mit jährlich bis zu 24 Kollektionen auf den Markt. Im Schnitt kaufe jeder Deutsche pro Jahr 60 Kleidungsstücke, jedes vierte lande ungetragen im Müll.
Der hintere Teil des Alten Doms ist in violettfarbenes Licht getaucht, im vorderen Teil nehmen Besucherinnen und Besucher Kleidungsstücke von den Bügeln, begutachten Schnitt und Farbe und probieren an, was ihnen gefällt. Silke Bartsch ist aus Wiesbaden gekommen und lobt die Aktion und das Ambiente. „Ich bringe meine noch tragbaren Sachen mit und freue mich auf neue“, erzählt sie. Für Charlotte Middeldorf aus Mainz ist „Nachhaltigkeit ein Herzensthema“. Dass auch die Kirche ihr dazu eine Möglichkeit bietet, findet sie „klasse“.
Die Kleid@Night in Mainz ist Teil der Fashion Revolution Week, zu der es weltweit in Dutzenden Ländern Veranstaltungen gibt. Die Organisatoren erinnern damit an den Einsturz der Textilfabrik Rana-Plaza in Bangladesch, bei dem am 24. April 2013 mehr als 1.100 Menschen ums Leben gekommen sind und rund 2.500 Menschen verletzt wurden.
Viola Wohlgemuth, Kampagnenleiterin des Vereins Fashion Revolution Germany, hat neben den sozialen Bedingungen in den Herstellerländern die Umwelt im Blick. Die Textilindustrie verbrauche weltweit jährlich so viel Gas und Öl wie Spanien insgesamt, sagt sie und fügt hinzu: „80 Prozent der weltweiten Produktion von Polyester dient einzig der Herstellung von Klamotten, und das Volumen von nicht recycelbaren Textilien aus synthetischen Fasern steigt ständig.“ Jede Sekunde werde rechnerisch eine Lkw-Ladung Textilien verbrannt oder auf eine Deponie gekippt.
Die Politik habe das Müllproblem erkannt, sagt Wohlgemuth und verweist auf das EU-Gesetz zur erweiterten Herstellerverantwortung in der Textilindustrie. Es überträgt den Herstellern die Verantwortung für die Verwertung und Entsorgung ihrer Produkte. Im Koalitionsvertrag der Regierung findet sich unter dem Punkt „Kreislaufwirtschaft“ der Satz: „Im Textilbereich führen wir eine erweiterte Herstellerverantwortung ein.“ Einzelheiten zur Umsetzung fehlen allerdings.
Die Menschen haben ein Recht auf recycelbare und reparierbare Kleidung, sagt Wohlgemuth und fordert die Politik auf, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass „aus Textilproduzenten Textildienstleister“ werden. Wichtigste Ziele seien, weniger zu produzieren und eine Infrastruktur für den Textil-Kreislauf aufzubauen, für Tausch und Reparatur. Eine repräsentative Umfrage von Fashion Revolution zeige, dass jeder fünfte Deutsche bereit wäre, Kleidung auszuleihen, zu mieten oder zu tauschen.
„Mode ist eine Kunstform, eine Möglichkeit, sich auszudrücken“, betont Wohlgemuth. „Wir wollen sie so gestalten, dass nicht Menschen ausgebeutet werden und der Planet zerstört wird.“

München, Stuttgart (epd). Die rote Plastikkiste, die Irmgard Czech anschleppt, wiegt schwer. Sie nimmt einen Plastikbeutel heraus und schüttet den Inhalt aus. Über den Tisch kullern jede Menge Münzen in verschiedenen Größen und aus aller Herren Länder - Restgeld, das nach Urlaubsreisen übrig bleibt und von der Caritas gesammelt wird. „Die Leute freuen sich, wenn sie das Geld bei uns sinnvoll loswerden“, sagt Czech, die im Pater-Rupert-Mayer-Haus am Münchner Hauptbahnhof arbeitet. Seit 2016 betreut sie für den katholischen Wohlfahrtsverband den Bereich Restgeld beziehungsweise Fremdwährung.
Die Idee dahinter: Urlauber spenden das Geld, das sie nach der Rückkehr noch im Portemonnaie haben. Oft sind es nur kleine Beträge, für die sie ohnehin keine Verwendung mehr haben. Aber: Die Beträge addieren sich, und so wird es für die Caritas ein lohnender Einsatz.
Das Kleingeld stammt aus Mexiko, aus Panama, aus Singapur und aus Frankreich. Auch einige alte Zwei-D-Mark-Münzen liegen auf dem Haufen. „Man kann das Restgeld unten an der Pforte abgeben“, erklärt Irmgard Czech, man kann es aber auch mit der Post schicken. Münzen und Geldscheine für die Caritas stammen auch aus dem Nachlass von Verstorbenen oder aus Haushaltsauflösungen, wenn der Besitzer in ein Pflegeheim wechselt. Manchmal kommt das Geld in alten Schachteln an, oft ohne Absender. „Da wird dann ein Leben sichtbar“, erzählt Czech: „Das rührt mich dann wirklich an.“
Dreimal im Jahr sammelt die Firma Coins aus Münster, ein bundesweit tätiger Dienstleister, das Geld vor Ort ein. Denn es ist nicht ganz einfach, ausländische Münzen in Euro umzutauschen. „Bei uns kommen jedes Jahr an die 100 Tonnen Münzen zusammen“, sagt Geschäftsführer Marinus Lass. Der 61-Jährige hat 1998 ehrenamtlich mit dieser Tätigkeit begonnen, seit 2003 macht er das beruflich. Mit seinen 13 Mitarbeitern betreut er diverse gemeinnützige Organisationen und Verbände.
Die Münzen werden zunächst maschinell nach Größe sortiert. Man könnte die Maschine auch so programmieren, dass sie bestimmte Münzen wie Schweizer Franken oder US-Dollars herausfischt, erläutert Lass. Das lohne sich aber nur bei großen Aufträgen. „Dann schicken wir das Geld per Seefracht in die Herkunftsländer zurück“ - und erhalten den Gegenwert in Euro je nach Wechselkurs.
Bei der Caritas in München kommt vier bis sechs Wochen nach der Abholung der Münzen eine Abrechnung an. „So zwischen fünf- und achttausend Euro pro Jahr kommen für uns dabei heraus“, sagt Irmgard Czech. Einmal seien es sogar 10.000 Euro gewesen.
Das Geld fließt in den sogenannten Einzelfallhilfefonds des katholischen Trägers, der Hilfen in akuten Notlagen finanziert. „Das kann ein neuer Kühlschrank für die Familie sein, weil der alte kaputtgegangen ist“, schildert Czech. Oder eine Seniorin benötigt eine spezielle Brille. Oder es wird ein Zuschuss für eine Klassenfahrt benötigt. „Man kann mit dem Restgeld etwas Gutes tun, bevor es nur zu Hause herumliegt“, so die Caritasmitarbeiterin. 150 bis 200 Mal könne so im Jahr geholfen werden.
Um Restgeldspenden werben bundesweit viele gemeinnützige Organisationen, denn Münzen aus dem Ausland werden von Banken in aller Regel nicht umgetauscht. Und beim Umtausch von Scheinen fallen Gebühren an. Auch Kirche und Diakonie nehmen per Post Restgeld an - sowohl Münzen als auch Banknoten. „Jede Summe hilft“, heißt es bei „Hoffnungsengel“, dem Spendenbündnis von Kirche und Diakonie in Mitteldeutschland.
Die Welthungerhilfe nimmt ebenfalls Restdevisen in jeder Höhe und in jeder Währung an: „Auch wenn die kleinen Schätze für sich kein Vermögen sind, können sie Großes bewirken.“ Die Gelder fließen in eines der derzeit 603 Hilfsprojekte in 37 Ländern.

Berlin (epd). Das Einspringen des Staates bei fehlenden Unterhaltszahlungen für Kinder wird für Bund und Länder teurer. Im vergangenen Jahr seien rund 3,2 Milliarden Euro Unterhaltsvorschuss an alleinerziehende Elternteile gezahlt worden, bestätigte das Bundesfamilienministerium einen Bericht der Funke Mediengruppe (12. August). Das waren 551 Millionen Euro mehr als im Jahr davor. Unterhaltsvorschuss bekommen Alleinerziehende, wenn der unterhaltspflichtige Elternteil säumig ist.
Nur einen kleinen Teil des Geldes konnten sich die Behörden den Angaben nach zurückholen. Die sogenannte Rückgriffsquote habe 2024 bei 17 Prozent (545 Millionen Euro) gelegen. Damit sei die Quote gegenüber den Vorjahren leicht gesunken, liege aber insgesamt im Schnitt der Jahre seit 2018. Die Kosten für den Vorschuss trägt zu 40 Prozent der Bund.
Union und SPD hatten sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, künftig mehr Druck auf unterhaltspflichtige Elternteile zu machen, die nicht zahlen. Geplant sind unter anderem schärfere Sanktionen, etwa der Führerscheinentzug. Zudem sollen die Auskunftspflichten der Schuldner verschärft werden. Die betroffenen Alleinerziehenden mit Kindern will die schwarz-rote Koalition unterstützen, indem das bislang komplett auf den Vorschuss angerechnete Kindergeld künftig nur noch zur Hälfte angerechnet werden soll.
Wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nicht oder nicht regelmäßig zahlt, kann die betreuende Person für Kinder bis zu 5 Jahren 227 Euro, für bis zu 11-Jährige 299 Euro und für bis zu 17-Jährige 394 Euro monatlich als Unterhaltsvorschuss bekommen. In der Regel sind es Väter, die den Unterhalt nicht zahlen. Wie aus der vom Ministerium zuletzt veröffentlichten Geschäftsstatistik für den Unterhaltsvorschuss für das Jahr 2023 hervorgeht, sprang der Staat damals in rund 830.000 Fällen wegen fehlender Unterhaltszahlungen ein. In 759.000 Fällen davon war die betreuende Person, der die Zahlungen zustehen, die Mutter.

Frankfurt a.M. (epd). 2015 und 2016 kamen weit mehr als eine Million Schutzsuchende nach Deutschland, in ein Land, das auf einen solchen Zustrom nicht vorbereitet war. Die Situation, so lässt sich rückblickend sagen, überforderte nicht selten Politik, Verwaltung und Teile der Gesellschaft. Erhebliche Auswirkungen waren auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt sowie in Schulen und Kitas spürbar. Denn hier traten bereits vorher bestehende Schwachstellen in der vorhandenen Infrastruktur für jedermann sichtbar zutage - allen voran in den Erstaufnahmeeinrichtungen.
„Der Sommer 2015 war ein wichtiger Moment im Umgang mit Fluchtmigration in Deutschland und der EU - humanitär, politisch und institutionell“, sagt Ramona Rischke, Migrationsforscherin am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM): „Das darauf folgende Engagement, die Debatten, Regelverschärfungen, gesellschaftliche Errungenschaften und Brüche machen deutlich: Fluchtmigration berührt den Kern demokratischer Gesellschaften.“ Um für die Zukunft besser gerüstet zu sein, brauche es „anhaltende und auf Langfristigkeit ausgelegte Investitionen in die Asyl-, Aufnahme- und Integrationsinfrastrukturen“, empfiehlt die Expertin.
Ihr Kollege Niklas Harder bestätigt das, sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd) aber auch: „Es wäre an der Zeit, sich als Gesellschaft klar zu werden, dass wir schon viel mehr geschafft haben als früher. Darauf kann man auch stolz sein. Und dann versuchen, bei der Integration trotzdem Stück für Stück noch besser zu werden.“
Für eine gelingende Integration der Geflüchteten ist die Jobvermittlung zentral. Anders als vor zehn Jahren, als sie zunächst für steigende Arbeitslosenzahlen sorgten, ist inzwischen die erfolgreiche Arbeitsaufnahme vieler Geflüchteter nachweisbar, erklärt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Doch während sich die geflüchteten Männer 2022 sieben Jahre nach dem Zuzug mit einer Erwerbstätigenquote von 75 Prozent bereits stark an das durchschnittliche Niveau der männlichen Bevölkerung in Deutschland angenähert hatten (81 Prozent), ist die Lage bei den Frauen deutlich schlechter. Der Anteil der erwerbstätigen geflüchteten Frauen lag nach derselben Zeit mit 29 Prozent noch deutlich unterhalb des Durchschnitts der Frauen in Deutschland (72 Prozent).
Fazit des IAB: „Insgesamt haben sich die Erwerbstätigenquoten der 2015 zugezogenen Geflüchteten schon stark an das Niveau anderer Migrantengruppen und der Durchschnittsbevölkerung angenähert.“ Denn: „Die Geflüchteten verbessern in dieser Zeit ihre Deutschkenntnisse, erreichen höhere Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse, lassen zunehmend im Ausland erworbene berufliche Qualifikationen anerkennen und bauen persönliche Netzwerke auf, die die Arbeitsmarktintegration erleichtern.“
Zur Wahrheit gehört laut IAB aber auch: Ohne den starken Flüchtlingszuzug vor zehn Jahren wäre der deutsche Arbeitsmarkt kurzfristig von geringerer Arbeitslosigkeit geprägt gewesen. 2016 hätte es im Jahresschnitt etwa 130.000 weniger Arbeitslose gegeben. Der erste deutliche Anstieg bei den Jobsuchenden seit dem Jahr 2013 sei ausschließlich auf den Flüchtlingseffekt zurückzuführen, hieß es.
Zugleich wiegt aber positiv, dass der Arbeitsmarkt durch den Zustrom vieler Geflüchteter mehr potenzielle Arbeitskräfte zur Verfügung hatte. Oder, wie es das IAB formuliert: „Negative kurzfristige Effekte auf Beschäftigungsquote und Arbeitslosigkeit sind empirisch belegt; langfristig kann das Bild durch Gelingen der Integration ins Positive drehen.“ Und schon im ersten Monitoringbericht der Bundesregierung zur Integration von Geflüchteten aus dem Jahr 2021 heißt es: „Die Langzeitperspektiven gelten als günstig, insbesondere wenn Bildungs- und Integrationsangebote konsequent fortgeführt und strukturelle Hürden weiter abgebaut werden.“

Berlin (epd). Der Verband pro familia und die Grünen fordern von Bund und Ländern Konsequenzen aus dem Abschlussbericht des Forschungsprojekts „Elsa“ über die Versorgungslage ungewollt schwangerer Frauen in Deutschland. Es sei wichtig, „dass Menschen in dieser Situation bestmöglich unterstützt werden“, erklärte die pro-familia-Bundesvorsitzende Monika Börding am 14. August. „Der 'Elsa'-Abschlussbericht zeigt: Das ist in Deutschland nicht der Fall“, konstatierte sie. Politikerinnen der Grünen erneuerten ihre Forderung nach einer Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, um die Versorgungslage zu verbessern.
Das Bundesgesundheitsministerium hatte am Mittwoch den Abschlussbericht des Forschungsprojekts veröffentlicht. Er fußt unter anderem auf einer repräsentativen Befragung von Frauen. Zentrale Ergebnisse sind, dass sich Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch hatten, in der überwiegenden Mehrheit stigmatisiert fühlen, und dass die Versorgung für ungewollt Schwangere, die abtreiben wollen, regional weiter sehr unterschiedlich und oftmals eher schlecht ist.
Demnach weisen Rheinland-Pfalz, Bayern und Baden-Württemberg die geringste Versorgungsdichte auf. In den ost- und norddeutschen Bundesländern gebe es tendenziell eine bessere Verfügbarkeit von medizinischen Angeboten. Auf dem Weg zum Schwangerschaftsabbruch seien vier von fünf Frauen auf mindestens eine Barriere gestoßen, heißt es in der Zusammenfassung der Studie. Neben dem Zugang zu medizinischer Versorgung werden den Angaben zufolge auch Zeitdruck und Schwierigkeiten bei der Organisation der Abtreibung gezählt.
Der Verband pro familia forderte Bund, Länder sowie Berufs- und Fachverbände dazu auf, auf der Grundlage der gewonnenen Daten für Verbesserungen zu sorgen. Dazu gehörten auch „Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen“, erklärte Börding.
Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland grundsätzlich rechtswidrig, werden aber nicht bestraft, wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung verursacht wurde oder Gesundheit oder gar das Leben der Mutter in Gefahr sind, sowie innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis, wenn eine Beratung stattgefunden hat. Seit Längerem wird diskutiert, Abbrüche in der Frühphase der Schwangerschaft nicht mehr im Strafgesetzbuch zu verbieten, sondern grundsätzlich zu entkriminalisieren.
Die Koalition aus Union und SPD hat im Koalitionsvertrag versprochen, ungewollt Schwangeren „Zugang zu medizinisch sicherer und wohnortnaher Versorgung“ zu ermöglichen. Zudem soll die Kostenübernahme durch die Krankenkassen erweitert werden. Bei nach der Beratungsregelung vorgenommenen Schwangerschaftsabbrüchen übernimmt die Krankenversicherung die Kosten nur, wenn die Frau ein relativ niedriges Einkommen hat.
Die rund 1.000 Seiten starke „Elsa“-Studie hat ein Kapitel auch dem Thema Kosten gewidmet. Die Befragung ergab demnach, dass bei rund 62 Prozent der Abbrüche die Kostenübernahme bewilligt, in knapp 7 Prozent abgelehnt wurde. Fast ein Drittel (31 Prozent) der Frauen beantragten keine Kostenübernahme. Ihre Kosten variierten den Angaben zufolge teilweise erheblich. Mehr als die Hälfte der Frauen (53 Prozent) zahlten zwischen 201 und 399 Euro für die Abtreibung. 30 Prozent zahlten mehr als 400 Euro, knapp 8 Prozent sogar mehr als 600 Euro. Für 9 Prozent der Frauen fielen Kosten von weniger als 200 Euro an.
Die Grünen-Politikerinnen Ulle Schauws und Kirsten Kappert-Gonther halten nur eine Erweiterung der Kostenübernahme bei Schwangerschaftsabbrüchen nicht für ausreichend. Für sie stehe „unstrittig“ fest, „dass die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen die Versorgungslage verbessern würde“, erklärten die Bundestagsabgeordneten. Dadurch werde nicht nur die Stigmatisierung der betroffenen Frauen beendet. Es erleichtere auch eine Kostenübernahme der Eingriffe und könne die Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten verbessern.

Oberursel (epd). Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, warnt vor einer ideologischen Verhärtung der Debatte um Schwangerschaftsabbrüche. Das hochkomplexe Thema Abtreibung dürfe nicht zum Gegenstand von Kulturkämpfen werden, sagte sie dem in Oberursel erscheinenden Magazin „Publik-Forum“ (11. August). Stetter-Karp äußerte sich vor dem Hintergrund der gescheiterten Nominierung der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf als Verfassungsrichterin.
Stetter-Karp zollte Brosius-Gersdorf Respekt, dass sie Anfang August ihre Kandidatur nach anhaltendem Widerstand gegen ihre Wahl in der Unionsfraktion zurückgezogen hatte. Die ZdK-Präsidentin wandte sich dagegen, „dass rechtspopulistisch gelenkte Kampagnen“ die Tagespolitik entscheiden. Der Ton in der Debatte habe sie „entsetzt“. Wenn eine „solch massive Verrohung in der öffentlichen Debatte einsetzt, muss die Person geschützt werden“.
Wegen ihrer Haltung beim Abtreibungsrecht sehe sie Brosius-Gersdorf allerdings weiterhin kritisch, so Stetter-Karp. Sie habe ihre Kritik aber bewusst in einem sachlichen Ton formuliert. Der Paragraf 218 sei keine beliebige Frage, es gehe darum, wie das Thema Menschenwürde in Deutschland in Zukunft vom Bundesverfassungsgericht behandelt werde. Wenn die Menschenwürde nicht mit dem Zeitpunkt der Einnistung der befruchteten Eizelle verbunden werde, bestünde die Gefahr, „dass die Menschenwürde gebunden wird an das Vermögen eines Menschen, an sein Können, an seine Ratio.“
Die Wahl von drei neuen Richtern für das höchste Gericht in Deutschland war vom Bundestag wegen koalitionsinterner Querelen über die Staatsrechtlerin kurzfristig vertagt worden. Der von der SPD als Bundesverfassungsrichterin vorgeschlagene Juristin Brosius-Gersdorf war fälschlicherweise unter anderem vorgeworfen worden, sie befürworte die Möglichkeit von Abtreibungen bis zur Geburt.

Hannover/Winsen (epd). Wenn das Thermometer wieder auf über 30 Grad Celsius klettert, sind obdachlose Menschen auf dem Land und in den Städten besonders gefährdet. Weil sie kaum einen Ort haben, an dem sie sich zurückziehen können, drohen ihnen gesundheitliche Schäden. Die Diakonie ruft dazu auf, bei großer Hitze besonders auf Menschen ohne Wohnung zu achten. Vorstandssprecher Hans-Joachim Lenke von der Diakonie in Niedersachsen hat fünf Tipps für den Alltag:
WASSER ANBIETEN: Fragen Sie höflich, ob jemand etwas zu trinken braucht. Eine Flasche Wasser kann Leben retten.
SCHATTENPLÄTZE EMPFEHLEN: Weisen Sie auf schattige Orte oder kühlere öffentliche Gebäude hin, etwa Bibliotheken oder Kirchen.
NICHT WEGSEHEN: Zeigen Sie Mitgefühl, sprechen Sie Menschen freundlich an. Viele sind dankbar für Aufmerksamkeit und ein kurzes Gespräch.
AUF NOTLAGEN ACHTEN: Wenn jemand desorientiert wirkt oder reglos in der Sonne liegt, rufen Sie im Zweifel den Notruf (112).
HILFSMITTEL SPENDEN: Wer mag, kann Hilfsmittel gegen Hitze für obdachlose Menschen spenden. Besonders gefragt sind Sonnencreme, Sonnenhüte, leichte Kleidung, nährstoffreiche Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel gegen Dehydration sowie Sommerschlafsäcke und Isomatten. Wohlfahrtsverbände wie Diakonie und Caritas nehmen die Spenden entgegen und leiten sie an obdachlose Menschen weiter.
Eine besondere Herausforderung sei die Situation obdach- und wohnungsloser Menschen im ländlichen Raum, betont die stellvertretende Vorsitzende des Evangelischen Fachverbands Wohnung und Existenzsicherung, Andrea Picker. Weil die Ortskerne weit auseinanderlägen und die Infrastruktur oft nicht ausreiche, sei die Hilfe hier schwieriger als in den Städten. „Deshalb ist es essenziell, dass es aufsuchende Sozialarbeit gibt, die die Beratung und Versorgung der Menschen sicherstellt.“ Picker ist Geschäftsführerin des Herbergsvereins für wohnungslose Menschen in Winsen an der Luhe bei Hamburg.
Von den Städten fordert die Diakonie, klimatisierte Einrichtungen wie Ämter, Bibliotheken und Museen tagsüber für hitzegefährdete Menschen zugänglich zu machen. Zusätzlich sollten auf öffentlichen Plätzen und in Parks temporäre Schattenspender installiert werden, zum Beispiel durch große Sonnensegel oder Zelte. Auch sei es geboten, mehr öffentliche Trinkbrunnen bereitzustellen, mobile Wasserstationen zu installieren sowie Wasserflaschen in öffentlichen Gebäuden kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Lüneburg (epd). Ulf Wellner setzt sich an die Orgel auf der Empore der Lüneburger St. Johanniskirche. Der Kirchenmusikdirektor tritt in die Pedale des Instrumentes und spielt den tiefsten Ton an. Die Orgelpfeife, die ihn erzeugt, ist 32 Fuß und damit fast zehn Meter lang. Ihr Klang sorgt für ein Kribbeln im Bauch. Wellner gerät ins Schwärmen, wenn er die Besonderheiten der fast 500 Jahre alten Orgel aufzählt. Von September an soll sie für rund 2,2 Millionen Euro restauriert werden.
Die Renaissance-Orgel in Lüneburgs evangelischer Hauptkirche wurde zwischen 1551 und 1553 von Hendrik Niehoff aus dem niederländischen Brabant gebaut. Eine barocke Erweiterung erhielt sie zwischen 1712 und 1715 durch Matthias Dropa, einem Schüler des bedeutendsten Orgelbauers des norddeutschen Barocks, Arp Schnitger. Dropa fügte unter anderem die mächtigen Pedaltürme hinzu, die dem Instrument sein heutiges Gesicht geben und zugleich statisch eine Herausforderung bedeuten. „Das war auch eine Erweiterung der musikalischen Möglichkeiten“, sagt Kirchenmusikdirektor Wellner.
Die mehrjährige Restaurierung solle deshalb die Orgel bei höchstem technischem und historischem Anspruch in den Zustand dieser Zeit zurückversetzen: „Niehoff aus den Händen Dropas“, sagt Wellner dazu. Das Instrument sei die letzte niederländische Renaissance-Orgel, die es im Grundbestand noch gebe, und gehöre zugleich zu den großen norddeutschen Barockorgeln von Weltruhm. Doch durch spätere Umbauten 1852 gab es Veränderungen, die das Instrument immer weiter von seiner ursprünglichen Ästhetik entfernten.
Zu den Besonderheiten der Orgel gehört, dass schon der junge Johann Sebastian Bach darauf spielte. Im Frühjahr 1700 kam der damals 15-jährige spätere Komponist für zwei Jahre als Schüler ans Michaeliskloster nach Lüneburg. In St. Johannis unterrichtete ihn Georg Böhm (1661-1733), damals einer der wichtigsten Organisten im norddeutschen Raum. Man spricht deshalb auch von der Bach-Böhm-Orgel. „Es waren prägende Jahre für Bachs künstlerische Persönlichkeit“, ist Wellner überzeugt.
Der Kirchenmusikdirektor schlägt noch einmal den tiefsten Ton der Orgel an, gemeinsam mit weiteren Pedalregistern, einer zusammengehörigen Gruppe von Pfeifen mit gleicher Tonfärbung. „Ein solches Register gibt es weltweit nur noch dreimal“, schwärmt er. „Und dieses ist das Beste. Es ist so elegant. Bach hätte gesagt, es hat Gravität - eine würdevolle Schwere.“
Mit der Lüneburger Orgel geht laut Wellner auch ein Zeitalter zu Ende, in dem alle bedeutenden Instrumente des norddeutschen Raumes im Stil ihrer Erbauer restauriert wurden. Prägend dafür ist die Firma Ahrend aus dem ostfriesischen Leer, deren Werkstatt auch die Arbeiten in Lüneburg übernimmt. Der heutige Inhaber Hendrik Ahrend erläutert, schon Mitte der 1950er Jahre hätten sein Vater Jürgen und dessen damaliger Partner Gerhard Brunzema neue Wege eingeschlagen, anstatt tausende historische Pfeifen umzuarbeiten, um sie dem vorherrschenden Klangideal anzupassen.
Mit seinen aktuellen Restaurierungsplänen orientiert sich Hendrik Ahrend ebenfalls am historischen Vorbild. „Das Lüneburger Instrument wird zunächst wieder Windladen und Mechanik erhalten, wie man sie von Dropa und seinem Umfeld kennt“, sagt er. Auch die Bleche für die Pfeifen würden nach historischer Methode in einer mit Sand gefüllten Gießlade gegossen. Aktuell seien in 31 erhaltenen Registern noch rund 940 Pfeifen erhalten, die noch aus der Zeit von Dropa oder älter sind. Rund ein Viertel der Pfeifen stammten damit aus ältester Zeit.
Nach der Rekonstruktion der verlorenen Stimmen wird die Zahl der Register wieder bei rund 50 liegen. Um das Projekt zu stemmen, haben die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die hannoversche Landeskirche, Lüneburger Stiftungen und die Kirchengemeinde den Millionenbetrag aufgebracht. Angesichts der Bedeutung der „Königin der Instrumente“ lohne das, ist Wellner überzeugt. Vom Kirchenschiff in St. Johannis fällt der Blick auf die teils mit Vergoldung schmuckvoll verzierten Prospektpfeifen. „In vielen anderen Kirchen sind solche Schätze den Bomben zum Opfer gefallen“, sagt Wellner: „Oder sie wurden im Ersten Weltkrieg wegen des Zinnanteils eingeschmolzen.“
Im September sollen erst einmal einzelne Pfeifen der Orgel abmontiert werden, bevor im Januar nächsten Jahres der Ausbau beginnt, wie der Kirchenmusikdirektor erläutert. Er wird dann die kleinere Chororgel der Kirche spielen, die aus dem Jahr 2010 stammt. Zu Pfingsten 2028 ist die Einweihung der restaurierten Königin der Instrumente geplant. Und Ulf Wellner ist überzeugt: „Sie wird Bestand haben, über Jahrhunderte.“

Hamburg (epd). Einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige in Deutschland stehen nach Expertenmeinung erhebliche rechtliche Hürden entgegen. Die deutsche Politik habe in diesem Bereich überhaupt keine Regelungskompetenz, sagte der Medienrechtler Stephan Dreyer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Anwendungsvorrang habe hier der Digital Services Act (DSA) der Europäischen Union.
„Der DSA regelt abschließend den Jugendschutz, wenn es um Plattformen geht“, erklärte der Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut in Hamburg. „Ein deutsches Verbot von Social Media wäre also schlicht nicht wirksam.“ Die einzige Möglichkeit für eine Regelung bestünde darin, sie auf EU-Ebene umzusetzen.
Seitdem Australien ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige erlassen hat, wird auch in Deutschland verstärkt über einen solchen Schritt diskutiert. Einschränkungen für Jugendliche hatten zuletzt unter anderem Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) und der Grünen-Politiker Cem Özdemir gefordert.
Laut Dreyer würde auch das im europäischen Recht festgeschriebene Herkunftslandprinzip eine deutsche Regelung aushebeln. Für Online-Anbieter, die sich in der EU niedergelassen haben, gelte nur das jeweils nationale Recht ihrer Niederlassung, führte er aus: „Und das heißt bei den großen Plattformen: Es gilt irisches Recht. Deutsches Recht kann das nicht überschreiben.“
Dreyer verwies zudem darauf, dass es keine klare Definition von Social Media gebe. „Es ist nicht so ganz klar, wer eigentlich alles reguliert werden soll.“ Unter den Begriff der Online-Plattformen fielen in der EU zum Beispiel auch Online-Marktplätze und App-Stores. „Das müsste man dann wieder auseinanderklamüsern.“
In Australien etwa sei die Nutzung von Tiktok und Instagram für Jüngere untersagt, WhatsApp aber erlaubt. Dort sei für das Verbot entscheidend, ob man beim betreffenden Online-Dienst eigene Inhalte posten und mit den anderen Plattformnutzern interagieren könne.
Aus Sicht des Medienrechtlers sprechen auch die völkerrechtlich bindenden Kinderrechte gegen ein Komplettverbot. „Die Kinderrechte sind nicht nur Schutzrechte, sondern sie sind auch Teilhabe- und Befähigungsrechte“, erläuterte Dreyer. Um diese drei Aspekte auszubalancieren, sei es sinnvoller, die Online-Angebote jeweils altersangemessen zu gestalten, als sie zu verbieten. So sollten bestimmte Funktionen erst ab einem bestimmten Alter freigeschaltet werden.
Dazu seien die Plattformen durch den DSA bereits verpflichtet, unterstrich der Medienrechtler. In diesem Zusammenhang habe die EU-Kommission auch bereits Verfahren gegen Tiktok und Instagram auf den Weg gebracht. „Politisch könnte man noch mehr Druck auf die Plattformen ausüben - aber der Rechtsrahmen steht“, betonte Dreyer.
Frankfurt a.M., Doha (epd). Ein tödlicher israelischer Luftangriff auf Journalisten in Gaza hat international für Empörung und Forderungen nach Aufklärung gesorgt. Bei dem Angriff auf ein Medienzelt am 10. August handele es sich um eine gezielte Attacke auf die Pressefreiheit, erklärte der Sender Al Dschasira, der fünf tote Journalisten beklagte. Unter den Getöteten ist demnach der prominente Reporter Anas al Scharif. Israel bestätigte den Angriff und bezeichnete Al Scharif als Anführer einer Hamas-Zelle.
Er habe Raketenangriffe auf israelische Zivilisten und Soldaten unterstützt, erklärten die israelischen Streitkräfte auf der Internet-Plattform X. Geheimdienstinformationen und Dokumente aus Gaza belegten dies.
Al-Dschasira wies die Anschuldigungen zurück und warf Israel einen „weiteren offensichtlichen und vorsätzlichen Angriff auf die Pressefreiheit“ vor. Die Tötung des Reporters und seiner Kollegen sei „ein verzweifelter Versuch, die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die die bevorstehende Einnahme und Besetzung Gazas ans Licht bringen“.
Die Vereinten Nationen verurteilten den Angriff auf das Pressezelt als Bruch des internationalen Rechts. Israel müsse alle Zivilisten respektieren und schützen, auch die Journalisten, erklärte das UN-Menschenrechtskommissariat am Montag auf X. Auch die Bundesregierung kritisierte den Angriff und forderte Aufklärung. „Die Tötung von Journalisten verurteilen wir - ganz grundsätzlich“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Montag in Berlin. Es sei an Israel, zu erklären, „warum dieser Angriff in dieser Art stattgefunden hat“.
Al Scharif war von Israel schon länger als Hamas-Aktivist beschuldigt worden. Dafür seien keine Beweise vorgelegt worden, betonte die internationale Organisation Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) am Montag. „Israels Muster, Journalisten ohne glaubwürdige Beweise als Militante zu bezeichnen, wirft ernsthafte Fragen hinsichtlich seiner Absichten und seiner Achtung der Pressefreiheit auf“, erklärte CPJ-Regionaldirektorin Sara Qudah. „Journalisten sind Zivilisten und dürfen niemals zur Zielscheibe werden.“ Zuletzt berichtete Al Scharif laut CPJ über den Hunger in Gaza.
Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) verlangte Aufklärung. Selbst wenn Al Scharif ein Terrorist gewesen sein sollte, hätte das keinen Luftangriff auf ein Journalistenzelt gerechtfertigt, erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster. „Dass Medienschaffende in dem bewaffneten Konflikt umkommen, ist schon furchtbar genug“, erklärte er. „Dass auf Grundlage von nicht überprüfbaren Vorwürfen gezielt Jagd auf sie gemacht wird, ist nicht hinnehmbar.“
Schon im Juli hatte die UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit, Irene Khan, zu den Vorwürfen gegen Al Scharif erklärt, die unbelegten Anschuldigungen seien ein offenkundiger Versuch, „seine Berichterstattung über den Genozid in Gaza“ zum Verstummen zu bringen. Ängste um seine Sicherheit nannte sie wohlbegründet.
Al Scharif habe im Wissen um seine Gefährdung die Arbeit fortgesetzt, erklärte der Sender Al-Dschasira und verwies auf eine Erklärung des Reporters vom April, die in seinem Todesfall veröffentlicht werden sollte. Er habe im Gaza-Streifen immer wieder „den Schmerz in allen Einzelheiten“ miterleben müssen, heißt es in dem Schreiben Al Scharifs. „Trotzdem habe ich nie gezögert, die Wahrheit so zu vermitteln, wie sie ist, ohne Verzerrung oder Falschdarstellung.“
Frankfurt a.M. (epd). Die Redaktion der Nachrichtenplattform „Amal“ will ihr Angebot für Geflüchtete mittels Künstlicher Intelligenz (KI) deutlich ausweiten. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat dafür eine Förderung von fast 3,3 Millionen Euro aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds bewilligt, die Stiftung Crespo Foundation stellt einen Eigenanteil von 400.000 Euro bereit, wie die Amal News gGmbH am 18. August in Frankfurt am Main mitteilte.
Ziel ist es, mehr Geflüchtete mit lokalen Nachrichten zu versorgen, auch außerhalb großer Städte, wo es bereits Medienangebote für diese Zielgruppe gibt. Dafür entwickelt „Amal“ einen Editor, der mithilfe von KI Nachrichten aus dem Deutschen in die Muttersprachen überträgt und für Netzwerke im Internet optimiert.
„Amal“ versteht sich wie eine klassische deutsche Lokalzeitung, nur auf Arabisch, Ukrainisch und Dari/Farsi. Die digitale Plattform informiert darüber, was in einer Stadt passiert, mit Lokalredaktionen in Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main. Das Wichtigste vom Tage wird ergänzt durch Reportagen, Interviews und Kommentare.
Bei „Amal“ haben derzeit 23 geflüchtete Journalisten und Journalistinnen aus Syrien, Afghanistan, der Ukraine und dem Iran einen Arbeitsplatz. Sie produzieren Nachrichten für das Smartphone und erreichen derzeit eigenen Angaben zufolge 350.000 Menschen über Facebook.
„Amal“ hatte 2016 mit einem Workshop an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin begonnen, 2017 ermöglichte die Evangelische Kirche in Deutschland den Start der tagesaktuellen Berichterstattung. Träger war das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), das auch die Zentralredaktion des Evangelischen Pressedienstes (epd) trägt. Anfang 2019 kam eine Lokalredaktion in Hamburg dazu, 2022 ein Team in Frankfurt am Main. Mehrere evangelischen Landeskirchen und große Stiftungen finanzieren die Arbeit. Seit Januar 2025 ist „Amal“ eine gemeinnützige GmbH, Gesellschafter ist das GEP.
Was ist Liebe wert - Materialists
Lucy (Dakota Johnson) ist professionelle Kupplerin für die New Yorker Partnervermittlungsagentur Adore. Als sie zu einer Hochzeit von früheren Klienten eingeladen ist, fällt ihr der charismatische Bruder des Bräutigams ins Auge: Harry (Pedro Pascal) ist groß, hat volles Haar und ein unübersehbar gut gefülltes Konto - in Lucys Branche der Hauptgewinn. Harry selbst scheint allerdings weniger daran interessiert, Lucy als seine Kupplerin zu engagieren, als selbst mit ihr auszugehen. Die Situation verkompliziert sich, als Lucys Ex-Freund John (Chris Evans) auf der Hochzeit auftaucht. Obwohl er als strauchelnder Schauspieler nicht gerade die beste Partie darstellt, kann Lucy ihn nicht aus dem Kopf bekommen. Celine Songs zweite Regiearbeit nach ihrem vielgelobten „Past Lives“ ist weniger eine romantische Komödie als eine kluge, facettenreiche und bittersüße Abhandlung über die Liebe in Dating-App-Zeiten.
Was ist Liebe wert - Materialists (USA/Finnland 2025). Regie und Buch: Celine Song. Mit: Dakota Johnson, Pedro Pascal, Chris Evans, Marin Ireland, Lindsey Broad. Länge: 109 Minuten. FSK: o. Al. FBW: keine Angabe.
Bitter Gold
Wie im Nichts scheinen die beiden Minen zu liegen, die Pacifico (Francisco Melo) im Norden Chiles illegal betreibt. In der einen schürft er mit seinen Arbeitern nach Kupfer, in der anderen sucht er heimlich mit seiner Tochter Carola (Katalina Sánchez) nach Gold. Als Pacifico in einem Handgemenge verletzt wird, soll Carola eigentlich die Arbeiter nach Hause schicken. Stattdessen fährt sie selbst zur Mine und lässt sie dort weiterarbeiten. So wird der Flm auch zu einer Geschichte der Selbstbehauptung; Carola muss sich durchsetzen gegen Machismo, Misogynie und Feigheit. „Bitter Gold“ ist eine spannende Mischung aus Neo-Western und Thriller, die nicht nur durch das hervorragende Schauspiel der Darsteller beeindruckt, sondern auch durch die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen, die die Unwirklichkeit und Grenzenlosigkeit der Wüstenberge fühlbar machen.
Bitter Gold (Chile/Deutschland/Mexiko/Uruguay 2024). Regie: Juan Francisco Olea. Buch: Francisco Hervé, Moisés Sepúlveda, María Luisa Furche, Agustín Toscano, Nicolás Wellmann. Mit: Katalina Sánchez, Francisco Melo, Michael Silva, Daniel Antivilo. Länge: 86 Minuten. FSK: 12, ff. FBW: keine Angabe.
Der Kuss des Grashüpfers
Das ohnehin komplizierte Leben des exzentrischen Schriftstellers Bernard (Lenn Kudrjawizki) gerät vollends aus dem Gleichgewicht, als bei seinem Vater unverhofft ein tödlicher Hirntumor festgestellt wird. Bernard muss sich plötzlich mit seinem unterkühlten Verhältnis zum Vater und dem unweigerlichen Verlust auseinandersetzen. Doch das ist nur eine Ebene des Films: Bernards Mitbewohner ist ein Schaf, ein menschengroßer Grashüpfer taucht immer wieder an einem Tresen auf und mitten in Bernards neuer Wohnung brodelt ein schwarzes Loch. In „Der Kuss des Grashüpfers“ wimmelt es von absurden Details, surrealen Motiven und schrägem Humor, die diesen zweiten Spielfilm des Regisseurs, Produzenten und Autors Elmar Imanov („Ende der Saison“) in einen faszinierenden Trip in die Innenwelt seiner Protagonisten verwandeln.
Der Kuss des Grashüpfers (Deutschland/Luxemburg/Italien 2025). Regie und Buch: Elmar Imanov. Mit: Sophie Mousel, Lenn Kudrjawizki, Michael Hanemann, Adolf El Assal, Al Ginter. Länge: 128 Minuten. FSK: 12, ff. FBW: keine Angabe.
Monk in Pieces
Der Dokumentarfilm „Monk in Pieces“ über die mittlerweile 82-jährige Performancekünstlerin Meredith Monk erzählt von einem nicht einfachen, beeindruckend erfüllten Leben. 1965, erklärt Monk, habe sie die Stimme als universale Sprache, als Instrument erkannt - unabhängig von Worten. Der Film begleitet Monk von ihrer Kindheit an, in der sie ihren Ausdruck in der Musik findet, über ihre ersten Kompositionsexperimente und deren anfängliche Ablehnung bis hin zu den Proben der Ehrenfeier ihres 40. Bühnenjubiläums in New York. Trotz einiger Klischees über die gebeutelte „Künstlerseele“ macht der Film das unüberseh- (und hör)bare Talent der interdisziplinären Performerin, Choreografin, Komponistin und Vogelstimmenfreundin erfahrbar.
Monk in Pieces (USA 2025). Regie und Buch: David C. Roberts, Billy Shebar. Mit: David Byrne, Ping Chong, Meredith Monk, John Schaefer. Länge: 94 Minuten. FSK: o. Al. FBW: keine Angabe.

Berlin (epd). Das Entwicklungsministerium muss angesichts geplanter Milliardenkürzungen seinen Kurs neu ausrichten. Laut aktuellem Haushaltsentwurf stehen dem Haus von Ministerin Reem Alabali Radovan (SPD) 2025 rund eine Milliarde Euro weniger zur Verfügung, im kommenden Jahr sollen weitere 330 Millionen Euro wegfallen. Welche Schwerpunkte die Bundesregierung künftig setzen will, ist noch offen. Experten sehen in der Neuaufstellung auch eine Chance für eine grundlegende Reform.
Dass die Kürzungen im Entwicklungsetat besonders stark schmerzen, liegt auch daran, dass dieser jahrelang nur wuchs. Einen deutlichen Aufwuchs gab es ab 2016 unter CSU-Minister Gerd Müller, der sich die Bekämpfung von Fluchtursachen auf die Fahnen geschrieben hatte. Die zur Verfügung stehenden Mittel stiegen danach von 7,42 Milliarden Euro (2016) kontinuierlich auf den bislang höchsten Wert von 13,8 Milliarden Euro im Jahr 2022.
Die Hilfsorganisationen passten sich dem rasanten Wachstum an. Laut dem Direktor des „Centre for Humanitarian Action“ (CHA), Ralf Südhoff, wurde die Arbeitsteilung zwischen den UN-Organisationen, Regierungen und Entwicklungsorganisationen dabei zunehmend verwischt. „Helfer kritisieren teils selbst, dass heute alle im Grunde alles ein bisschen machen würden“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Viele Organisationen hätten sich in dieser Wachstumsphase breiter aufgestellt und Themen bedient, die das Ministerium für besonders förderungswürdig erachtete - wie Klima- oder Genderthemen.
Trotz der drastischen Kürzungen sieht Südhoff die Krise auch als Chance für überfällige Reformen. „Das deutsche Engagement ist zu kleinteilig und fragmentiert zwischen zahlreichen Ländern, verschiedenen Programmen zu Entwicklung, Friedensförderung und Stabilisierung“, diagnostiziert er. Diese Programme sollen nun noch um weitere Ziele wie Förderung der deutschen Wirtschaft erweitert werden. Es sei zwar klar, dass man mit weniger Mitteln nicht mehr leisten könne. „Trotzdem wäre es hilfreich, wenn die Akteure der Entwicklungszusammenarbeit die Krise im System nutzen, um sich über einen sinnvollen Reformprozess Gedanken zu machen“, sagte der CHA-Direktor.
Südhoff plädiert dafür, die Hilfe lokaler zu organisieren, um die Wirksamkeit zu steigern. Er schlägt vor, dass Geber größere Summen in sogenannte Pool Funds geben, die dann lokal verwaltet und auf unterschiedliche Organisationen verteilt werden. Lokale Akteure seien nicht nur kostengünstiger als internationale Kräfte, sondern könnten auch besser entscheiden, was vor Ort wirklich gebraucht werde.
Ministerin Alabali Radovan hat einen Reformprozess in ihrem Haus bereits angekündigt. Dieser solle bis zum Jahresende laufen und darauf abzielen, die Mittel neu zu priorisieren. „Wir werden uns nicht aus ganzen Regionen zurückziehen. Wir orientieren uns eher thematisch“, erläuterte die Ministerin ihr Vorhaben im Interview mit dem epd. Zudem versucht die SPD-Politikerin über andere Kanäle Gelder für die Entwicklungsländer zu mobilisieren, zum Beispiel über Privatinvestitionen.
Der Politikwissenschaftler Stephan Klingebiel begrüßt die Initiative der Ministerin, mehr auf die Privatwirtschaft zu setzen. „Gleichzeitig brauchen wir die öffentlichen Mittel für Investitionen in Entwicklungsländern, zum Beispiel um Straßen, Schulen und Krankenhäuser zu bauen“, sagte der Wissenschaftler vom IDOS-Institut, das sich auf entwicklungspolitische Themen fokussiert, dem epd.
Klingebiel hält eine Reform für unumgänglich. Die Zahl der Themen und Sektoren müsse ebenso reduziert werden wie die Zahl der Partnerländer. Zudem braucht es dem Politikwissenschaftler zufolge eine Bestandsaufnahme, um die Planungs- und Umsetzungsprozesse zu verbessern. Entscheidend sei dabei eine stärkere Steuerung durch die Politik. „Die Bundesregierung muss dazu in der Lage sein zu sagen, klar zu formulieren, was sie will - und darf das nicht allein den Durchführungsorganisationen überlassen“, sagte Klingebiel.
Beide Experten sind sich jedoch einig, dass die Kürzungen zur Unzeit kommen. Sie treffen auf ein ohnehin überlastetes internationales Hilfssystem. Zwar könne Deutschland die Lücke, die die USA hinterlassen haben, nicht füllen, sagte Südhoff. „Aber dass Deutschland in dieser globalen Krise nicht einmal seine Beiträge stabil hält, ist wirklich dramatisch und verantwortungslos.“ Klingebiel sprach von einem negativen Signal, das Deutschland aussende. „In einer Situation, in der der Bundeshaushalt wächst, streichen wir den Entwicklungshaushalt zusammen“, sagte er. Das schwäche Deutschlands Ansehen in der Welt.

Berlin (epd). Die schwarz-rote Bundesregierung bekennt sich zur Aufarbeitung des Unrechts im Kolonialismus, lehnt Wiedergutmachungen als Beitrag dazu aber ab. „Der Begriff der Wiedergutmachung im Völkerrecht ergibt sich aus der Verletzung einer internationalen Verpflichtung“, heißt es in einer Antwort der Regierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Fraktion, die dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt. „Eine solche Verpflichtung bestand zur Zeit des begangenen Unrechts nicht.“
Die Abgeordnete Awet Tesfaiesus kritisierte, Schwarz-Rot verstecke sich bei der Übernahme historischer Verantwortung „hinter formalistischen Argumenten“. Der Historiker Jürgen Zimmerer sagte dem „Tagesspiegel“: „Diese Regierung interessiert sich nicht für das koloniale Erbe.“
Die Bundesregierung verwies in ihrer Antwort unter anderem auf die 2021 getroffene Vereinbarung mit Namibia, die eine Zahlung von 1,1 Milliarden Euro zur Unterstützung der Nachfahren der Herero und Nama vorsieht. 1,05 Milliarden Euro sollen für ein Programm für Wiederaufbau und Entwicklung sowie 50 Millionen Euro für ein Programm für Versöhnung bereitgestellt werden. „Die Gespräche über die Umsetzung der beiden Programme einschließlich des zeitlichen Rahmens sind noch nicht abgeschlossen“, erklärte das Auswärtige Amt.
Von 1904 bis 1908 wurden in Namibia etwa 80 Prozent des Herero-Volkes und die Hälfte der Nama von deutschen Streitkräften getötet. Schätzungen gehen von 100.000 Opfern aus. Deutschland hatte Namibia von 1884 bis 1915 in Besitz genommen. Die Bundesregierung erkannte die Gräueltaten 2021 als Völkermord an.
Die Eigentumsübertragung von mehr als 1.000 Benin-Bronzen aus deutschen Sammlungen an Nigeria 2022 sei „ein positives Kapitel in der deutsch-nigerianischen Zusammenarbeit“, erklärte die Bundesregierung weiter. Sie sehe sich „in der Verantwortung, das unter deutscher Kolonialherrschaft begangene Unrecht aufzuarbeiten“. Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte sei unbestrittener Teil der Erinnerungskultur in Deutschland. Das „Konzept der Wiedergutmachung“ sei aber aus den rechtlichen Gründen „im Zusammenhang mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands nicht anwendbar“.
Der Historiker Zimmerer von der Universität Hamburg kritisierte: „Würde man das konsequent zu Ende denken, gäbe es ja auch keine Wiedergutmachungsleistungen für den Holocaust. Da wird aus meiner Sicht mit zweierlei Maß gemessen.“ In Deutschland habe es beim Thema Kolonialismus lange eine „völlige Amnesie“ gegeben. Seit etwa 2015 habe sich das Interesse verstärkt, Höhepunkt seien die „Black Lives Matter“-Proteste 2021 gewesen. „Doch seitdem erleben wir einen konservativen Rollback“, erklärte der Wissenschaftler.
Die Grünen-Politikerin Tesfaiesus erklärte, die Bundesregierung verschließe die Augen vor einer Wahrheit, die die ganze Welt kenne: „Die Axt vergisst ihr Werk. Der Baum erinnert sich.“ Damit verhindere die Bundesregierung, dass man Deutschland in allen Fragen der Verantwortung international als ehrlichen Verhandlungspartner wahrnehme, sagte sie dem epd.
Berlin (epd). Die Bundesregierung steht wegen ihres Umgangs mit schutzsuchenden Afghanen in Pakistan weiter in der Kritik. „Rhetorik und Handeln der Bundesregierung stehen in einem sehr eklatanten und zynischen Widerspruch“, erklärte Christian Mihr von Amnesty International in Deutschland am Samstag. Der stellvertretende Grünen-Fraktionschef Konstantin von Notz sprach von einem „in höchstem Maße fragwürdigen Rechtsverständnis“.
Außenminister Johann Wadephul (CDU) hatte den Afghaninnen und Afghanen aus den Aufnahmeprogrammen der Bundesregierung am Freitag erneut Hilfe zugesichert. Der stellvertretende Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland, Mihr, kritisierte im Deutschlandfunk, es würden aber keine entsprechenden Maßnahmen getroffen. So gebe es in Pakistan nicht ausreichend Personal, um die Programme abzuwickeln.
In den vergangenen Tagen war bekannt geworden, dass die pakistanischen Behörden schutzsuchende Afghaninnen und Afghanen trotz deutscher Aufnahmezusagen in deren Heimatland abschieben. Da Deutschland keine diplomatische Vertretung in Afghanistan hat, werden die Aufnahmeverfahren über Pakistan abgewickelt.
Mihr sagte, bei Aufnahmen handele es sich um einen Verwaltungsakt. Die Zusagen könnten „nicht einfach zurückgenommen werden, wenn sich das politische Klima ändert“. Bereits seit Mai vergangenen Jahres seien de facto keine Aufnahmezusagen mehr erteilt worden. Deshalb trage auch die frühere Ampel-Koalition Verantwortung.
Der Grünen-Politiker von Notz sagte dem „Tagesspiegel“ (Samstag), trotz rechtlich bindender Versprechen sei das Bundesaufnahmeprogramm seit Monaten blockiert: „Die Menschen haben ihre Heimat im Vertrauen auf deutsche Zusagen verlassen.“ Vor allem die Union müsse „den Pfad des Populismus endlich verlassen. Wir stehen im Wort.“
Das Auswärtige Amt hat erklärt, allen bereits nach Afghanistan Abgeschobenen solle eine Rückkehr in die pakistanische Hauptstadt Islamabad ermöglicht werden. Ebenso bemühe sich das Ministerium um die Freilassung von gefährdeten Afghaninnen und Afghanen, die durch die pakistanischen Behörden festgenommen wurden. In den vergangenen Tagen sollen mehrere Hundert Menschen inhaftiert und Dutzende nach Afghanistan abgeschoben worden sein.
Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban vor vier Jahren hatte Deutschland mehrere Charterflüge über Pakistan organisiert, auch für ehemalige Ortskräfte deutscher Institutionen. Die Bundesregierung aus Union und SPD will die Aufnahmeprogramme jedoch „soweit wie möglich“ beenden und hat die Einreisen derzeit ausgesetzt.
Pro Asyl und das Patenschaftsnetzwerk Ortskräfte haben nach eigenen Angaben Strafanzeige gegen Außenminister Wadephul und Innenminister Alexander Dobrindt (SCU) wegen unterlassener Hilfeleistung gestellt.
Potsdam (epd). Die Bestände tropischer Vögel haben sich seit 1980 infolge des Klimawandels um rund ein Drittel verringert. Einzelne Arten hätten sogar mehr als die Hälfte ihrer Population eingebüßt, heißt in einer am 11. August veröffentlichten internationalen Studie, an der das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) mitgewirkt hat. Grund dafür seien immer intensivere Hitzeextreme.
Der Studie zufolge sind tropische Vögel inzwischen an 30 Tagen extremer Hitze ausgesetzt, zehnmal mehr als noch vor 40 Jahren. „Der Rückgang ist erschütternd“, erklärte Hauptautor Maximilian Kotz. Vögel reagierten besonders empfindlich auf Dehydrierung und Hitzestress. Dies führe zu erhöhter Sterblichkeit, geringerer Fruchtbarkeit, verändertem Brutverhalten und einer schlechteren Überlebenschance der Jungvögel.
Die Untersuchung verknüpft den Angaben zufolge Beobachtungsdaten mit Klimamodellen, um die Auswirkungen des Klimawandels auf Vogelpopulationen weltweit nachzuzeichnen. Bislang war es demnach schwierig, die Auswirkungen der Erderwärmung auf die biologische Vielfalt von den Verlusten zu unterscheiden, die auf direktere menschliche Einflüsse wie die Abholzung zurückzuführen sind.
Die Daten könnten laut den Autorinnen und Autoren die jüngsten Beobachtungen in unberührten Regenwäldern im Amazonas und in Panama erklären, wo ohne offensichtlichen Grund große Verluste bei Vogelarten dokumentiert wurden. An der Studie waren neben dem PIK die australische University of Queensland und das Barcelona Supercomputing Center beteiligt.
28.8. Evangelische Akademie Frankfurt
Mit Livestream Albert Schweitzers Schatten. Ein „protestantischer Heiliger“ kritisch gewürdigt Das Wirken von Albert Schweitzer (1875-1965) findet bis heute nicht nur eine enorme Resonanz, sondern wirft auch einen weiten Schatten. Im Albert-Schweitzer-Jahr 2025 erscheint er als Symbolfigur für humanitäres und friedensstiftendes Engagement - im Protestantismus hat er quasi den Status eines Heiligen. Doch es gibt auch rassistische und paternalistische Schattenseiten der Lichtgestalt, wie die Publizistin Caroline Fetscher in ihrer Studie „Tröstliche Tropen“ (2023) gezeigt hat. Inwiefern haben seine Ideen und sein Handeln heute noch Vorbildcharakter?
19.-21.9. Evangelische Akademie der Pfalz
Belastende Objekte: Herausforderungen für die christliche und säkulare Erinnerungskultur Die Wittenberger „Judensau“, die Hitler-Glocke in Herxheim, judenfeindliche Darstellungen an der Kirche St. Sebald in Nürnberg - an problematischen historischen Objekten entzünden sich immer wieder Debatten, die eine breite Öffentlichkeit beschäftigen. Dabei geht es um Sachverhalte wie die Verherrlichung des Nationalsozialismus, Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus, Militarismus oder Nationalismus. Sollen wir belastende historische Objekte belassen, kommentieren oder entfernen, weil sie demokratischen Vorstellungen und Menschenrechten widersprechen? Wenn es um kluge Entscheidungen geht, sind viele gefragt: politische und kirchliche Akteure, Medien, Gedenkarbeit, Denkmalpflege, Pädagog*innen, Historiker*innen und engagierte Bürger*innen.
8.-10.10. Evangelische Akademie Loccum
Vor dem Abgrund? Wie umgehen mit neuen nuklearen Bedrohungsszenarien in Europa? Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist die Gefahr nuklearer Bedrohung wieder in aller Munde. Rufe nach glaubhafter Abschreckung in Europa werden lauter, genauso wie Forderungen nach verstärkten Anstrengungen um Rüstungskontrolle und atomare Risikominimierung. Parallel dazu laufen weiterhin Initiativen, die an einer kompletten nuklearen Abrüstung arbeiten wollen. Was ist der richtige Weg im Umgang mit der wachsenden nuklearen Gefahr in Europa?