Ihr wöchentlicher Branchendienst
Ausgabe 24/2025 - 13.06.2025
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Gütersloh (epd). Ein Viertel der Hausärztinnen und -ärzte in Deutschland plant laut einer Umfrage, ihre Tätigkeit innerhalb der nächsten fünf Jahre aufzugeben. Viele Hausärzte wollen zudem ihre Wochenarbeitszeit bis 2030 durchschnittlich um zweieinhalb Stunden reduzieren, wie eine am 11. Juni in Gütersloh veröffentlichte Umfrage der Bertelsmann Stiftung unter knapp 3.700 Hausärzten ergab. Bereits heute seien mehr als 5.000 Hausarztsitze unbesetzt.
Die Bertelsmann Stiftung mahnte, den negativen Trend mit Reformen aufzuhalten. Hausärzte forderten einen Abbau von Bürokratie und eine stärkere Übertragung von Aufgaben an die Praxisteams. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnte mit Blick auf die sinkende Zahl an Hausärzten vor dem von der Bundesregierung geplanten Primärarztsystem.
Der Nachwuchs könne diese Entwicklungen nur teilweise kompensieren, erklärten Experten der Bertelsmann Stiftung. Denn auch der Nachwuchs arbeite kürzer. Zusätzliche Herausforderungen kämen durch das im Koalitionsvertrag geplante Primärarztsystem hinzu, nach dem die Hausärzte künftig stärker als Anlaufstelle den Zugang zu Facharztpraxen koordinieren sollen.
Der Umfrage zufolge wenden die Hausärztinnen und -ärzte rund 80 Prozent ihrer Arbeitszeit für Sprechstunden und Hausbesuche auf. Den Rest verbrächten sie mit Verwaltungsaufgaben, Fortbildungen oder anderen Tätigkeiten. Im Durchschnitt arbeiteten die befragten Hausärztinnen und -ärzte derzeit 44 Stunden pro Woche.
Damit Hausärzten mehr Zeit für Patienten bleibe, müssten sie in anderen Bereichen stärker entlastet werden, betonte die Stiftung. „Um die hausärztliche Versorgung zu sichern, müssen die notwendigen Digitalisierungsmaßnahmen gelingen, unnötige Arztbesuche reduziert sowie neue Formen der fachübergreifenden Zusammenarbeit etabliert werden“, mahnte der Director Gesundheit bei der Bertelsmann Stiftung, Uwe Schwenk.
Aufgaben wie Terminmanagement, Befundaustausch, Diagnostik und Behandlungsabläufe könnten stärker digitalisiert werden, schlägt die Stiftung vor. Zudem könnten bestimmte Aufgaben auch auf andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen wie medizinische Fachangestellte oder Pflegekräfte übertragen werden.
Veränderte Abläufe, die zu weniger Verwaltungsaufgaben und kürzeren Arbeitszeiten führen, könnten dazu beitragen, Hausärzte im System zu halten, erklärte die Stiftung. „Wenn es gelingt, einen Teil der Hausärzteschaft für ein längeres Arbeiten zu gewinnen, dann kann die entstehende Zusatzlücke in den nächsten fünf Jahren etwas verringert werden“, erläuterte der Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung, Johannes Leinert: „Das ist ein ganz maßgeblicher Hebel, ohne den es nicht gehen wird.“
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband sieht sich durch die Bertelsmann-Umfrage in seinen Positionen bestätigt. Das Interesse am Hausarztberuf wachse zwar, aber das könne die Lücken nicht schließen, teilten die Bundesvorsitzenden des Verbands. Nicola Buhlinger-Göpfarth und Markus Beier, gemeinsam mit. Es gebe aber klare Handlungsoptionen: „Bürokratiereduktion, eine funktionierende Digitalisierung, aber vor allem auch die stärkere Übertragung von Aufgaben an unsere Praxisteams.“ Konzepte dazu gebe es bereits.
Ohne eine Nachwuchsinitiative werde es aber nicht gehen, schränkten Buhlinger-Göpfarth und Beier ein. Hausärztliche Arbeit müsse im Medizinstudium präsenter werden.
Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, erklärte, die Pläne der Ärzte, Arbeitszeit zu reduzieren oder die Praxis aufzugeben, seien mit einer Erst-Hausarzt-Pflicht der Bundesgesundheitsministerin und der Ärzteverbände unvereinbar Das geplante Primärarztsystem werde „immer mehr zu einem unkalkulierbaren Risiko für alte, pflegebedürftige und schwerstkranke Menschen“. Vor einer Patientensteuerung müsse eine bedarfsgerechte Verteilung der niedergelassenen Ärzteschaft eingeführt werden.
Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und der Universität Marburg hatte das Meinungsforschungsinstitut infas von November 2024 bis Februar 2025 knapp 3.700 Hausärztinnen und -ärzte in Deutschland befragt.