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Diakonie-Chef: "Wir müssen Pflegekräften mehr zutrauen"




Hans-Joachim Lenke
epd-bild/Jens Schulze
Der Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, Hans-Joachim Lenke, fordert von der Politik mehr Anstrengung im Kampf gegen Personalmangel in der Pflege. Dafür brauche es mehr Kompetenzen für Fachkräfte ebenso wie technische Lösungen.

Hannover (epd). Die Generation der Babyboomer geht in den nächsten Jahren Schritt für Schritt in den Ruhestand. In der Pflege für alte und kranke Menschen sowie Menschen mit Behinderung werden sie eine große Lücke hinterlassen, mahnt der Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, Hans-Joachim Lenke. Es gebe jedoch schon Ideen, wie auf den Mangel an Fachkräften in Deutschland reagiert werden könne, erläutert er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Fragen stellte Michael Grau.

epd sozial: Herr Lenke, der demografische Wandel ist in vollem Gange. Die geburtenstarken Jahrgänge scheiden nach und nach aus dem Berufsleben aus. Ist die Pflege auf diese Entwicklung ausreichend vorbereitet?

Hans-Joachim Lenke: In einer Erhebung der früheren niedersächsischen Pflegekammer von 2021 wird festgestellt, dass 40,7 Prozent der Pflegekräfte aktuell über 50 Jahre alt sind. Es ist also absehbar, dass wir in den nächsten 15 Jahren in Deutschland einen gewaltigen Aderlass haben werden. Ich sehe noch nicht, dass Ideen zur Bewältigung dieses Problems im Bewusstsein der Politik angekommen sind.

epd: Was ist zu tun, wenn wir nicht in einen Pflegenotstand hineinschlittern wollen?

Lenke: Wir brauchen einen bunten Mix an Maßnahmen. Wir werden zum Beispiel mehr vernetzte Systeme brauchen und in einem Quartier die Pflege stärker so denken müssen, dass wir Angehörige, aber auch Nachbarn mit einbeziehen. Zudem werden wir auch im Pflegeberuf weiterhin Zuwanderung brauchen, und zwar dringend. Das wird das Problem nicht lösen, aber es kleiner machen. Und wir werden die Digitalisierung als unterstützendes System weiter ausbauen müssen.

epd: Wie kann die Digitalisierung konkret helfen?

Lenke: Es gibt zum Beispiel eine App, mit der wir gerade Erfahrungen sammeln. Da können ausländische Pflegekräfte in ihrer Muttersprache diktieren, was sie gerade gemacht haben. Das wird dann in ein pflegedokumentationstaugliches Deutsch übersetzt. Das ist eine riesige Hilfe. Wir haben viele Pflegekräfte aus dem Ausland, die sind pflegefachlich wirklich gut. Aber mit der schriftlichen Dokumentation tun sie sich oftmals schwer, da sie eben keine Muttersprachler sind. In verschiedenen Pflegeeinrichtungen wird zudem ein Roboter eingesetzt, der vor die Zimmertür fährt und sieht: Liegt jemand auf dem Boden oder ist alles OK? Und wenn es in dem Zimmer zusätzlich eine Matratze gibt, mit der die Vitalfunktion gemessen werden kann, werden diese Daten mit übertragen. Das erhöht auch die Lebensqualität bei den zu pflegenden Personen.

epd: Kommt dabei auch Künstliche Intelligenz zum Einsatz?

Lenke: Ja, und das muss man alles natürlich datenschutzrechtlich sauber gestalten. Wir waren vor kurzem in einem Pflegeheim in Hannover und haben uns dort den Sozialroboter der Firma „navel robotics“ angeschaut. Weil das Heim im Stadtteil Ricklingen ist, haben die Bewohner ihn 'Ricky' getauft. Der sieht aus wie ein kleiner Kerl und trägt eine Mütze. Da müssen die alten Menschen eine Einwilligungserklärung unterschreiben, dass sie mit Ricky und seiner Künstlichen Intelligenz tatsächlich reden wollen. Die alten Damen sagten: Ja, am Anfang war das ein bisschen komisch, mit einem Roboter zu reden. Aber sie haben sich inzwischen daran gewöhnt und finden das gut. Da müssen wir als Gesellschaft mehr Offenheit entwickeln.

epd: Können Sozialroboter menschliche Pflegekräfte ersetzen?

Lenke: Nein, es sind eher Unterstützungssysteme. Ich glaube nicht, dass wir in einem Altenheim in fünf Jahren eine Waschstraße für Pflegebedürftige haben werden. Das wird weiterhin per Hand zu machen sein, und das ist auch gut so. Aber es gibt erstaunlich einfache und schlichte Unterstützungsmöglichkeiten. Ich habe jetzt ein Bett gesehen, das hat Luftkammern. Da kann man einstellen, ob ich auf der linken Seite liege oder auf der rechten. Da muss mich keine Pflegekraft mehr allein im Bett auf die andere Seite lagern und sich den Rücken kaputtmachen.

epd: Die Pflegekräfte haben dann Zeit für andere Dinge?

Lenke: Ja - und sie können den Beruf länger ausüben und erkranken dann hoffentlich weniger.

epd: Werden wir in Deutschland weiter gezielt Pflegekräfte aus dem Ausland anwerben müssen?

Lenke: Ganz bestimmt. Aber wir müssen bedenken, dass wir nicht die einzigen auf der Welt sind, die das tun. Wenn Sie sich die Migrationsdebatten der vergangenen Wochen vor Augen führen, stellt sich die Frage: Ist Deutschland ein attraktives Land für zuwandernde Pflegekräfte? Auch hier brauchen wir mehr Offenheit.

epd: Kann es gelingen, ausgebildete Pflegekräfte nach einer Familienpause wieder in den Beruf zurückzuholen oder Quereinsteiger für den Beruf zu gewinnen?

Lenke: Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Fachkräfte aus dem Beruf herausgegangen sind, weil sie gesagt haben: Was ich dort mache, hat mit dem, was ich gelernt habe, zu wenig zu tun. Weil ich zu wenig Zeit habe und weil ich mich zu wenig dem Patienten zuwenden kann. Sie haben sehr deutlich formuliert, dass sie unter bestimmten Umständen wieder zurückkommen würden. Hier gibt es also ein Potenzial. Bei den Quereinsteigern ist das ähnlich. Wir müssen natürlich immer sehen, dass wir ein gewisses Maß an Fachlichkeit halten. Es ist nicht so, dass Pflege jeder kann. Wer es gelernt hat, der kann es.

epd: Vom Geld her hat sich bei den Pflegekräften ja schon viel getan. Sie verdienen inzwischen deutlich besser als noch vor Jahren. Aber wie kann der Arbeitsalltag attraktiver werden, damit mehr Leute einsteigen?

Lenke: Vor allem müssen wir Pflegekräften mehr zutrauen. Viele Dinge können sie genauso gut wie Ärztinnen oder Ärzte, zum Beispiel bei der Wundversorgung. Wir haben viele Pflegekräfte und Krankenschwestern, die behandeln tagaus tagein komplizierte Wunden. An dieser Stelle müssen wir Vorbehalte abbauen und die Kompetenz von Pflegekräften ernst nehmen.

epd: Sie haben gesagt, wir müssen in den Quartieren die Pflege neu denken, auch mit Angehörigen und Nachbarn. Wie kann das konkret aussehen?

Lenke: Wir werden über kurz oder lang Strukturen brauchen auf dem Weg hin zu einer „Caring Community“, also einer Gemeinschaft, die sich kümmert. Dabei brauche ich nicht unbedingt eine Pflegekraft, die zu mir kommt und mir meine Tabletten gibt. Ich hoffe, dass meine Nachbarn mich so nett finden, dass sie das auch mal machen. Weil es eine Pflegekraft dafür schlichtweg nicht mehr geben wird. Kinder oder Enkel sind oftmals auch nicht vor Ort. Die Entwicklung zu einer „Caring Community“ wird unterhalb der professionellen Strukturen in der Pflege laufen und sie ergänzen. Aber das muss gesteuert und angeleitet werden. Es wird nicht von selbst passieren.

epd: Wer soll das machen?

Lenke: Es braucht hauptamtliche Leute, die Netzwerke stabil halten. Die zum Beispiel wissen: Der Nachbar kann den Herrn Müller jetzt nicht ans Trinken erinnern, weil er im Urlaub ist. Ich könnte aber den und den anderen darum bitten. Aber das wird nicht vom Himmel fallen, sondern das müssen wir jetzt auf den Weg bringen und auch erlernen. Dafür brauchen wir die Zusammenarbeit von Kommunen, Vereinen, Kirchengemeinden und Trägern von Gesundheitsdiensten.