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Interview

Kinderarzt: "Noch immer psychische Probleme durch Corona-Maßnahmen"




Hinweisschild an einer Schule in Köln im Jahr 2020
epd-bild/Guido Schiefer
Vor fünf Jahren begann der erste Lockdown in der Covid-19-Pandemie. Zu den gravierendsten Einschnitten gehörten die Schließung von Schulen und Kindergärten. Kinder litten bis heute unter psychischen Folgeproblemen, sagt Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, dem Evangelischen Pressedienst.

Berlin, Frankfurt a.M. (epd). Burkhard Rodeck stellt klar: Man hat den Kindern und Jugendlichen in der Pandemie viel zugemutet. Und die Folgen der Isolationen wirkten bis heute nach: 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen berichteten weiterhin über eine verminderte Lebensqualität, 22 Prozent über psychische Probleme und 23 Prozent über Angstsymptome. „Wir haben tatsächlich aufgrund der Abwehrmaßnahmen bei der Pandemie auch jetzt noch vermehrt psychische Probleme bei den Kindern und Jugendlichen“, sagt der Fachmann. Die Fragen stellte Susanne Rochholz.

epd sozial: Fünf Jahre ist der erste Schullockdown in der Covid-19-Pandemie jetzt her - welche Folgen für Kinder und Jugendliche hatte er unmittelbar und hat er bis heute?

Burkhard Rodeck: Man hat dieser Generation schon ordentlich viel zugemutet, was vielleicht auch nicht ganz notwendig gewesen ist und wo wir Kinder- und Jugendärzte schon vorgewarnt haben, dass das eben Langzeiteffekte haben kann.

epd: Das belegen Studien?

Rodeck: Zu den größten Studien über dieses Thema gehören die sogenannten Copsy-Studien aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hamburg Eppendorf, in denen es um Kinder von sieben Jahren aufwärts geht, in mittlerweile sieben Auflagen. Die Kinder selber sind ja durch die Erkrankung nur selten schwer betroffen gewesen, die Zahl der verstorbenen Kinder ist verschwindend gering. Auch Long Covid spielt bei ihnen noch nicht die Rolle wie bei Erwachsenen. Der Benefit aus den Isolationsmaßnahmen im Sinne von Vermeidung von Infektionen und Vermeidung von Krankheitslast bei Kindern ist also sehr, sehr begrenzt gewesen.

Das, was man ihnen zugemutet hat, ist allerdings sehr viel gewesen. Es gab keinen besser kontrollierten Arbeitsplatz in der gesamten Bundesrepublik als in den Schulen und Kitas während der Lockdowns, kein anderes Berufsfeld ist so konsequent eingeschränkt worden. Und das nicht nur in den Einrichtungen, sondern auch in den anderen Sozialkontakten: Ich erinnere mich an Bilder mit Absperrbändern auf Spielplätzen oder von mit Bauschutt zugekippten Skateboardplätzen, die also sehr konsequent eben Kontakte in dieser jungen Generation verhindert hat. Und das hat, wie die Copsy-Studie ganz eindrücklich bewiesen hat, zu einer erheblichen psychischen Belastung geführt.

epd: Wie sehen die Zahlen konkret aus?

Rodeck: In einem Drittel der befragten Familien haben die Kinder psychische Gesundheitsprobleme und Angstzustände gehabt und jedes vierte depressive Symptome. Das hat sich dann in den Jahren 2022/23 etwas verbessert. Allerdings setzte sich dieser positive Trend bis zum Herbst 2024 nicht fort. Das heißt, 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen berichteten weiterhin über eine verminderte Lebensqualität, 22 Prozent über psychische Probleme und 23 Prozent über Angstsymptome. Das ist über den Werten vor der Pandemie. Also, wir haben tatsächlich aufgrund der Abwehrmaßnahmen bei der Pandemie auch jetzt noch vermehrt psychische Probleme bei den Kindern und Jugendlichen.

epd: Und wie sieht es mit körperlichen Folgen durch ausfallenden Sportunterricht und fehlendes Training in Sportvereinen aus?

Rodeck: Es gibt eine Forsa-Umfrage von 2022, wo circa 1.000 Eltern mit Kindern von 3 bis 17 Jahren befragt worden sind: 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind demnach dicker geworden, bei Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren sogar 32 Prozent. Und was besonders schlimm ist, ist, dass Kinder und Jugendliche aus sozial prekären Verhältnissen oder einkommensschwachen Familien doppelt so häufig von der ungesunden Gewichtszunahme betroffen sind wie Kinder und Jugendliche aus einkommensstarken Familien. 44 Prozent der Kinder und Jugendlichen bewegt sich weniger als vor der Pandemie, von den Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren sogar 57 Prozent. Bei 33 Prozent der Kinder und Jugendlichen hat sich körperliche, sportliche Fitness verschlechtert, bei den Zehn- bis Zwölfjährigen sogar 48 Prozent. In dieser Umfrage haben 43 Prozent der Kinder und Jugendlichen berichtet, dass ihre seelische Stabilität durch die Pandemie beeinträchtigt worden ist. Und 70 Prozent der Kinder und Jugend haben die Mediennutzung gesteigert.

epd: Das sind alles Daten, die die negativen Effekte belegen ...

Rodeck: Es gibt aber auch zwei schöne Effekte: 34 Prozent der Familien essen häufiger gemeinsam als zuvor und die Familien haben in den Lockdowns mehr Zeit miteinander verbracht. Insgesamt muss man eben zur psychischen Belastung sagen, es kommt ein Stück weit auf die Resilienz der Familien oder auch des individuellen Kinds an. Manche Kinder haben davon profitiert, weil die Papas mal zu Hause waren und weil Familien miteinander da waren. Aber im Großen und Ganzen ist es schon eine enorme Belastung gewesen.

epd: Was müsste passieren aus kinderärztlicher Sicht, um die langfristigen Folgen von Corona vor allem für Kinder und Jugendliche ein Stück weit wieder zu beheben?

Rodeck: Das Wesentliche, was man aus dieser Pandemie und den Maßnahmen zu ihrer Eindämmung lernen sollte, ist, dass diese Generation eigene Rechte hat und auch ein eigenes Recht auf Betrachtung der Folgen. Wir haben ein Bundesverfassungsgerichtsurteil gehabt im November 2021, was die Folgen der Schulschließungen beurteilen sollte und diese als noch rechtmäßig einstufte. Dieses Urteil ist relativ bedeutsam, denn es hat sich auf ein Gutachten vom Institut für Virologie der Charité verlassen, also das Institut von Christian Drosten, der einer derjenigen war, die klar gesagt haben: „Das ist alles notwendig und wichtig und richtig gewesen.“

epd: Das sehen Sie anders?

Rodeck: Das ist nicht wirklich ein kluges Urteil gewesen, vielmehr ein sehr einseitiges. Wir als Pädiater sagen: Eine solche Frage darf nicht nur vom Institut für Virologie an der Charité beurteilt werden, denn das sind Virologen, die sehen keinen Patienten, sondern die machen Laboruntersuchungen. Das heißt, zur gesamten Frage der Lebenswirklichkeit von Kindern haben sie keine besondere Expertise.

Wir müssen aber in Deutschland darauf achten, dass wir diesen Kinderrechten einen großen Raum geben, auch bei vielen anderen Themen. Kinder und Jugendliche sind aktuell durch viele Krisen in ihrer Lebenswelt beeinflusst: die gesamte weltpolitische Lage, die Klimalage, die Wirtschaftslage. Also all die politischen Themen, die uns beschäftigen, die beschäftigt natürlich Jugendliche und Kinder ebenso. Das alles führt zu einem vermehrten Gefühl der Unsicherheit. Und Unsicherheit macht mehr psychische Probleme. Die kann man nur auffangen, indem man psychotherapeutische Therapieangebote für diejenigen anbietet, die wirklich enorm betroffen sind.