sozial-Branche

Armut

Tafel-Verteilzentren: Retten, kühlen, weitergeben




Im Tafel-Verteilzentrum in Springe bei Hannover
epd-bild/Matthias Pabst
Seit über 30 Jahren kämpfen die Tafeln in Deutschland gegen Lebensmittelverschwendung und Armut - und sie entwickeln sich ständig weiter. In Niedersachsen sorgen zwei Verteilzentren dafür, dass gespendete Lebensmittel besser zwischengelagert werden.

Springe (epd). Kalt ist es in der 1.000 Quadratmeter großen Halle, der Betonboden grau gestrichen, die Wände weiß. Die metallenen Regale reichen rund sechs Meter hoch bis zur Decke. Zwischendrin Farbtupfer: bunt verpackte Lebensmittel. „Hier haben wir Chips und Cornflakes“, sagt Tim Richter, der gerade mit einem Gabelstapler eine Palette Chips aus dem Regal holt. Der gelernte Lagerlogistiker arbeitet als einer von zwei hauptamtlichen Mitarbeitern im neuen Verteilzentrum der Tafeln in Springe bei Hannover.

Seit 1993 haben die Tafeln in Deutschland sich zum Ziel gesetzt, Lebensmittel zu retten und an armutsbetroffene Menschen weiterzugeben. Die erste Tafel entstand in Berlin, gegründet von Sabine Werth als treibender Kraft. Über 970 Tafeln gibt es derzeit bundesweit, so der Dachverband Tafel Deutschland. Nach dessen Angaben sind die Tafeln mit 75.000 Helferinnen und Helfern eine der größten sozial-ökologischen Bewegungen im Land. Pro Jahr retten sie rund 265.000 Tonnen Lebensmittel und geben sie an 1,6 bis 2 Millionen Menschen weiter.

Um die Versorgung der 106 Tafeln mit ihren 250 Ausgabestellen effektiver organisieren zu können, hat der Landesverband der Tafeln Niedersachsen neue Verteilzentren eingerichtet, in denen die Lebensmittel zwischengelagert werden.

Geld vom Land unterstützt Lager

Das Verteilzentrum in Springe wurde im November eröffnet, ein weiteres gibt es im emsländischen Börger. Dort können bis zu 400 Paletten Trockenware sowie Kühl- und Tiefkühlprodukte zwischengelagert werden. Bis 2026 wird das Projekt vom Land Niedersachsen mit zwei Millionen Euro unterstützt.

In Springe gibt es neben dem großen Bereich für Trockenware auch einen rund drei Grad kalten Kühlraum, in dem Molkereiprodukte wie Frischkäse lagern. Im Tiefkühlraum mit minus 19 Grad sind es Tiefkühlpizzen. In das Tafel-Logistikzentrum kommt, was die Hersteller oder Zwischenlager des Einzelhandels aus verschiedenen Gründen nicht an Supermarktfilialen liefern können, zum Beispiel weil die Ware zu nah am anstehenden Mindesthaltbarkeitsdatum ist, erläutert Uwe Lampe, Vorsitzender des Landesverbands der Tafeln in Niedersachsen und Bremen.

Ein paar Regale weiter hebt er einen Adventskalender hoch. Davon sind noch einige aus dem Weihnachtsgeschäft übrig geblieben. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns von Weihnachtsware nicht die Regale vollstellen lassen. Das ist ein logistisches Handling.“ Viel wichtiger seien Grundnahrungsmittel, sagt Lampe und schaut auf eine Palette Kartoffelpüree.

Viele Armutsbetroffene profitieren von den Tafeln

Zu den Kunden gehören Menschen, die Bürgergeld oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten und Menschen mit geringer Rente. „Wir wissen, dass wir nur einen kleinen Teil der armutsbetroffenen Menschen erreichen“, sagt Lampe. Bundesweit versorgten die Tafeln zwischen zehn und zwölf Prozent der Armutsbetroffenen. Laut Tafel Deutschland liegt die Armutsgefährdungsschwelle in Deutschland bei 1.313 Euro pro Monat für einen Single-Haushalt und bei 2.758 Euro für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren.

Die Tafel-Ehrenamtlichen zeigten ein „beeindruckendes Engagement“, sagt Armutsexperte Holger Schoneville. Dennoch ändere die Professionalisierung der Tafeln in Form von Verteilzentren nichts daran, dass sie Armut nicht bekämpften. Es handele sich um „ein System der Linderung von Armutsfolgen“, sagte der Professor für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Universität Duisburg-Essen. Um Armut entgegenzutreten, brauche es armutsfeste Einkommen, eine ökonomische Absicherung durch ausreichend hohe Sozialleistungen und eine soziale Infrastruktur, die soziale und kulturelle Teilhabe unabhängig vom Einkommen ermögliche.

Wichtig, dass genießbare Lebensmittel nicht im Müll landen

Uwe Lampe sagt zur Professionalisierung der Tafeln: „Leider und Gott sei Dank.“ Leider ist sie notwendig, Gott sei Dank findet sie statt. Normalerweise sei der Staat dafür verantwortlich, dass die Menschen genug zu essen hätten, erklärt Lampe: „Das sagen wir als mündige Bürger. Aber als Tafelanerinnen und Tafelaner wollen wir den Teil weitergeben, der durch unsere Überflussgesellschaft entsteht. Wir schließen hier nur eine Lücke.“ Ihm und seinem Team sei wichtig, dass genießbare Lebensmittel nicht weggeschmissen würden.

Der 2023 unterzeichnete „Pakt gegen Lebensmittelverschwendung“ kommt dem entgegen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und 14 Unternehmen des deutschen Lebensmittelgroß- und -einzelhandels haben vereinbart, Lebensmittelabfälle im Bereich des Handels bis 2025 um 30 Prozent und bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren.

Für beide Seiten eine Win-win-Situation

Die Tafel-Logistikzentren unterstützten den Kerngedanken der Lebensmittelrettung und kämen der Vereinbarung des Handels entgegen, sagt Lampe. „Das ist für beide Seiten eine Win-win-Situation. Könnten die Hersteller und Geschäfte die Ware nicht an uns abgeben, müsste sie zu deren Kosten entsorgt werden.“

Vor dem Gang in die Tonne werden nun zwei Paletten Aufbackbrötchen gerettet. Ein Ehrenamtlicher ist mit einem Transporter angekommen. Tim Richter holt die Bioware mit einem gabelstaplerähnlichen Spezialfahrzeug, der sogenannten Ameise. Er düst durch die Halle zum Auto. Gemeinsam mit einem Kollegen laden sie die Ware ein, die der Ehrenamtliche zur Tafel in Springe bringt.

Lampe hofft darauf, noch mehr Lebensmittel retten zu können und an Menschen weiterzugeben, die darauf angewiesen seien. „Wir wissen, dass bundesweit immer noch viel vernichtet wird.“ Das nächste Ziel sei es, noch mehr heimische Rentnerinnen und Rentner zu erreichen, sagt er. Deren Anteil an der Tafel-Kundschaft sei zurückgegangen. Aber nicht, weil es weniger armutsgefährdete Rentner gebe, sondern weil das Anstehen vor den Tafeln vielen ein Problem bereite.

Sonja Scheller


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