Ihr wöchentlicher Branchendienst
Ausgabe 27/2023 - 07.07.2023
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In der Universitätsstadt Marburg hat die Unterstützung bei Obdach- und Wohnungslosigkeit einen hohen Stellenwert und es gibt bereits zahlreiche Angebote verschiedener Träger und Institutionen. Die Stadt stellt gemäß Paragraf 11 des Hessischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung (HSOG) Unterkünfte für obdachlose Menschen zur Verfügung, hilft den Betroffenen mit Wohnangeboten und bietet pädagogische Begleitung bei der Rückkehr in ein reguläres Mietverhältnis an beziehungsweise bei der Integration in andere Hilfesysteme.
Die städtische Sozialplanung hat die Aufgabe, die strategische Steuerung in kommunalen Handlungsbereichen zu verbessern und die soziale Infrastruktur bedarfsgerecht weiterzuentwickeln. Hierzu gehört unter anderem die Förderung der Wohnungslosenhilfe in Kooperation mit dem Fachdienst Wohnungswesen in Abstimmung mit allen regional Agierenden. Eine Fachgruppe arbeitet an der Umsetzung eines Gesamtkonzepts zur Wohnungslosenhilfe und berät neue Ansätze.
Die Neuausrichtung der kommunalen Obdachlosenhilfe beruht auf dem Grundsatz, eine Angebotsvielfalt mit pädagogischer Unterstützung vorzuhalten. Zu der Weiterentwicklung der Strukturen in Marburg gehört zum einen das Modellprojekt „Probewohnen“, das erfolgreich verstetigt werden konnte. Die Stadt mietet hierfür Wohnungen an und ehemals obdachlose Menschen werden auf dem Weg zum eigenen Mietvertrag begleitet. Zum anderen wurde ein Angebot speziell für obdachlose Frauen, Paare und Familien realisiert. Hierfür ist ein Haus in einem Wohnviertel als entsprechende Unterkunft mit Gemeinschaftsraum und Büro für die städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umgestaltet worden. Durch Beteiligung der Nachbarschaft ist das Angebot gut im Quartier integriert und wird von der Zielgruppe positiv angenommen.
Für alleinstehende obdachlose Männer, die keine andere Perspektive wie etwa das „Betreute Wohnen“ oder eine eigene Wohnung haben, plant die Stadt Marburg ein „VinziDorf“ mit zwölf Tiny-Houses. Die Grundidee ist, dass jeder Bewohner ein kleines Haus mit einfacher Möblierung und sanitärer Grundausstattung bewohnen kann und es ein Gemeinschaftshaus gibt.
Vorbild und Namensgeber für den Marburger Weg sind die VinziDörfer in Österreich, wie sie vom Pfarrer Wolfgang Pucher von der Vinzenzgemeinschaft entwickelt und gemeinsam mit dem Wiener Architekturbüro „gaupenraub+/-“ umgesetzt worden sind.
2021 hat das Marburger Stadtparlament einen Beschluss zum Bau des VinziDorfes gefasst und die Umsetzbarkeit wurde in mehreren Schritten geprüft. Die Stadt Marburg und die städtische Wohnungsbaugesellschaft GeWoBau haben die Idee daraufhin unter anderem mit der AG „Wohnungslosenhilfe“ besprochen, als sinnvoll eingeschätzt und zur Umsetzung empfohlen. Zielgruppe sind Männer, die ohne Chance auf regulären Wohnraum sind und in städtischen Unterkünften Obdach erhalten. In Abgrenzung zu anderen Angeboten, wie beispielsweise dem „Probewohnen“, wird bei der Zielgruppe des VinziDorfes davon ausgegangen, dass hier aktuell keine oder nur eine geringe Chance besteht, weiterführende Angebote im Hilfesystem in Anspruch nehmen zu können. Die Stadt wird anhand der Bedarfsplanung zwölf Plätze im VinziDorf einrichten.
Nach der fachlich-inhaltlichen Abstimmung und Entscheidung, ein VinziDorf als städtisches Angebot zu realisieren, wurde eine Steuerungsgruppe gegründet, die den Gesamtprozess koordiniert. Sie setzt sich zusammen aus Vertretungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GeWoBau, des Fachdienstes Stadtplanung und Denkmalschutz, des Fachdienstes Wohnungswesen, der Stabsstelle Bürgerinnenbeteiligung und der Sozialplanung.
Überregional steht die Stadt Marburg mit den VinziWerken Österreich im Austausch und hat mit der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen.
Für den Beteiligungsprozess wurde zudem ein begleitender Projektbeirat gegründet, in dem ein breites Bündnis unterschiedlicher Einrichtungen vertreten ist. Der Beirat hat im ersten Halbjahr 2022 einen Auftakt-Workshop angeboten, bei dem Kriterien für einen geeigneten Standort erarbeitet worden sind. Ergänzend zu dieser Veranstaltung fand ein Austausch mit den Marburger Ortsbeiräten statt.
Anknüpfend an die Auftaktveranstaltung fand in der zweiten Jahreshälfte ein Workshop in Kooperation mit der Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf (FAM) statt, bei dem es um die Lebenswelten obdachloser Menschen, um Herausforderungen und Schwierigkeiten im Freiwilligenengagement ging. Als ein Workshop-Ergebnis haben sich Engagierte für einzelne Projekte angemeldet.
Interessierte Marburger können sich über ein Engagement-Bündnis an der Umsetzung des VinziDorfs beteiligen. Jede und jeder kann diesem beitreten und das Vorhaben über unterschiedliche Wege unterstützen. So ist es möglich, mit dem eigenen Namen für die Idee zu werben. Engagierte können später auch beim Bau der Häuser helfen oder beim Anlegen eines Gartens.
Die Standortfindung beruht auf einer sorgfältigen Prüfung verschiedener Möglichkeiten durch die im Sommer 2022 gegründete AG „Standortplanung“ und einer Beratung durch das Büro „gaupenraub+/-“. Als Entscheidungsgrundlage dienten verschiedene Standortkriterien, die anhand von Stadtplanungsaspekten und der Workshop-Ergebnisse festgelegt worden sind. Zudem wurden Betroffene einbezogen, die insbesondere eine zentrumsnahe Lage sowie eine gute ÖPNV-Anbindung als sehr wichtig betonten und den Wunsch nach einem ruhigen, grünen Standort äußerten.
2023 wurde ein Grundstück gefunden. Zu den entscheidenden Standortfaktoren gehörten: Grundstücksgröße und Beschaffenheit, Naturraum, baulicher Bestand und vorhandene Versorgungsinfrastruktur, sowie die Lage im Quartier. Die ausgewählte Fläche befindet sich auf einem parkähnlichen Gelände im Stadtteil „Hansenhaus“. Der Standort liegt zentral, ruhig, ist an den öffentlichen Nahverkehr angebunden und weist eine gute Infrastruktur auf.
Die zukünftige Nachbarschaft wurde von Anfang an einbezogen und zu einem Informationsnachmittag in Form eines Grillfests eingeladen. Um mit den Anwohnerinnen und Anwohnern im Austausch zu bleiben und Anregungen für die weiterführende Planung aufzunehmen, folgt im Sommer 2023 eine Veranstaltung mit dem Planungsbüro.
Aktuell wird eine Beschlussvorlage für das Stadtparlament erarbeitet, die die Bauplanung der GeWoBau und das städtische Betriebskonzept für das Marburger VinziDorf darstellen wird. Im Konzept werden grundlegende Themen, wie die notwendigen Personalressourcen und ein Raumbedarfsplan verschriftlicht. Der Projektbeirat wurde in die Beratungen einbezogen. Beispiele für weiterführende Ideen sind ein „Beratungsraum für externe Anbieterinnen“, der die sozialräumliche Infrastruktur sinnvoll ergänzen würde und eine Werkstatt für handwerkliche Tätigkeiten.
Die abgestimmte Vorlage wird im Herbst 2023 zur Beschlussfassung in die politischen Gremien gegeben. Nach einem erfolgten Bebauungsplanverfahren mit weiterer gesetzlich vorgeschriebener Bürgerbeteiligung kann das VinziDorf dann voraussichtlich Ende 2024/Anfang 2025 gebaut werden.