Lengerich (epd). Der katholische Sozialpfarrer Peter Kossen beklagt ein gesellschaftliches Desinteresse für die prekäre Lage von Arbeitsmigranten. Menschenhandel und moderne Sklaverei seien keine Probleme ferner Länder, sondern fänden auch mitten in Deutschland statt, erklärte der Theologe am 16. Juni im westfälischen Lengerich. Die Fleischindustrie, Paketdienste, Gebäudereinigungsfirmen oder der Bausektor suchten mittlerweile weltweit nach Arbeitskräften, „die sie wie Maschinen anmieten, verschleißen und dann entsorgen“.

Kossen bietet Arbeitsmigrantinnen und -migranten mit seinem Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ kostenlose Rechtsberatung und Sprachkurse an. Die Menschen lebten in einer „dunklen Parallelwelt“ der ausbeuterischen Abhängigkeiten, sagte der Vorsitzende des Vereins. Fehlende gesellschaftliche Aufmerksamkeit erleichtere Ausbeutung, Betrug und Demütigung.

Zwangsprostitution als besonders brutale Form

Als besonders grausame Form des Menschenhandels nennt der Sozialpfarrer des Bistums Essen die Zwangsprostitution. „Deutschland gilt als das Bordell Europas“, erklärte er. Viele Frauen und Mädchen aus Rumänien und Bulgarien würden unter falschen Versprechungen nach Deutschland gebracht und anschließend zur Prostitution gezwungen. Gewalt, Einschüchterung und Abhängigkeit seien dabei zentrale Mittel der Kontrolle. Betroffen seien oft Roma, Analphabetinnen, nicht selten Minderjährige.

Kossen forderte die Politik ebenso wie die Kirche dazu auf, Menschenhandel und moderne Sklaverei konsequent zu bekämpfen. Angesichts des Ausmaßes des Unrechts dürfe es kein Wegschauen und kein Schweigen geben, betonte er mit Blick auf die im Mai veröffentlichte erste Enzyklika von Papst Leo XIV., in der das Kirchenoberhaupt ein Vorgehen gegen Menschenhandel und Ausbeutung anmahnt. Notwendig seien Prävention, Schutz und konkrete Hilfe für die Betroffenen, so Kossen.