Ihr wöchentlicher Branchendienst
Ausgabe 23/2025 - 06.06.2025
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Hornberg (epd). Andreas Wahl-Kordon ist Experte für Zwangsstörungen. Als Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Schwarzwald behandelt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie seit vielen Jahren Patientinnen und Patienten mit Ess- und Zwangsstörungen. Soziale Medien haben nach seiner Ansicht einen hohen Anteil an der Zunahme von Essstörungen. Die Fragen stellte Stefanie Unbehauen.
epd sozial: Herr Wahl-Kordon, wie lässt sich Orthorexie definieren?
Andreas Wahl-Kordon: Bei Orthorexie handelt es sich um ein ausgeprägt gesundheitsorientiertes Essverhalten. Es geht mit dem Aufstellen sehr starker und strikter Ernährungsregeln einher. Betroffene weisen zudem häufig ein sehr restriktives Essverhalten auf. Man erkennt hier eine starke Nähe zu Anorexia nervosa, also Magersucht. Die Orthorexie kann aufgrund der Rigidität und dem starren Befolgen der Ernährungsregeln auch dem Spektrum der Zwangsstörungen zugeordnet werden. Da sich die gesamte Symptomatik allerdings ums Essen dreht, passt die Zuordnung zu den Essstörungen besser. Noch handelt es sich nicht um ein eigenes Erkrankungsbild, daher beobachten wir sie meist im Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen wie eben der Magersucht.
epd: Dabei ist gesunde Ernährung durchaus wichtig. Wie kann man ein gesundes Essverhalten von einem zwanghaften unterscheiden?
Wahl-Kordon: Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, da Orthorexie keine anerkannte Essstörung ist. Wie gesagt, tritt sie meistens im Zusammenhang mit anderen Ess- oder Zwangsstörungen auf, häufig in Zusammenhang mit Magersucht. Außerdem liegt gesunde Ernährung im Trend. Betroffene erkennen also häufig nicht an, dass ihr Verhalten zwanghaft ist, werden vielleicht sogar von anderen gelobt und erhalten Komplimente für ihre Disziplin. Der entscheidende Faktor ist das Ausmaß der Kontrolle. Betroffene machen keine Ausnahmen, müssen sich streng an ihre Ernährungsregeln halten, bekommen Panik, wenn sie davon abweichen müssen.
epd: Welche Folgen kann das für Betroffene im Alltag haben?
Wahl-Kordon: Eine Konsequenz ist mit Sicherheit der soziale Rückzug. Betroffene vermeiden Restaurantbesuche, da sie nicht genau wissen, welche Inhaltsstoffe die Gerichte haben und wie sie zubereitet werden. Das kann sogar dazu führen, dass Treffen mit Freunden abgesagt werden aus Angst, von den eigenen Ernährungsregeln abweichen zu müssen. Außerdem beschäftigen sich Menschen mit Orthorexie in bedenklichem Maße mit Ernährung. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Diese kreisenden Gedanken und die Vereinnahmung sind zentrale Symptome. Gesunde Ernährung wird für sie zum allgegenwärtigen Lebensinhalt.
epd: Sie erwähnten bereits, dass Orthorexie häufig mit anderen Essstörungen wie Magersucht einhergeht. Wo ist hier die Trennlinie?
Wahl-Kordon: Eine klare Abgrenzung kann man oft nicht ziehen, da die Symptome sich häufig überschneiden. Bei Menschen mit Orthorexie stehen meist nicht Kalorien im Mittelpunkt, sondern der gesundheitliche Aspekt. Es werden also Lebensmittel ausgeschlossen, die als krebserregend gelten, es wird penibel auf Inhaltsstoffe geachtet, Nährwerte werden eingehend studiert. Wenn dann aber immer mehr Lebensmittel ausgeschlossen werden und die Ernährung immer restriktiver wird, kann ein Untergewicht eine Folge sein, das heißt, oftmals wird dem Körper dann dauerhaft zu wenige Energie zugeführt.
epd: Wie kann man als Außenstehender erkennen, ob jemand an Orthorexie leidet?
Wahl-Kordon: Es ist wichtig, wachsam zu sein und aufzupassen, wenn sich Ess- und Bewegungsverhalten stark verändern. Wenn jemand plötzlich versucht, Mahlzeiten ausfallen zu lassen, sehr viel Sport macht, immer mehr Nahrungsmittel ausschließt, sehr langsam und kontrolliert gegessen wird, dann können das klare Warnsignale für eine Essstörung und somit auch für die Orthorexie sein. Aus der Praxis wissen wir: Je früher man bei Essstörungen interveniert, umso besser ist die Prognose zur Heilung.
epd: Dies dürfte vor allem für Eltern eine Herausforderung sein. Von ihnen wird einerseits erwartet, ihren Kindern ein gesundes Essverhalten und Wissen über gesunde Ernährung mitzugeben, andererseits könnten zu viele Regeln auch die Gefahr für eine Essstörung erhöhen. Wie gelingt Eltern dieser Spagat?
Wahl-Kordon: Regeln sind einerseits wichtig, andererseits sollten sie nicht zu streng ausfallen. Zucker beispielsweise zu reduzieren, ist im Hinblick auf die Gesundheit sicherlich gut, aber es soll Kindern eben auch erlaubt werden, Ausnahmen zu machen, beispielsweise auf Geburtstagsfeiern oder wenn sie mal ein Eis oder Dessert bestellen möchten. Das Ziel in der Erziehung ist eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung zu vermitteln, und da darf Süßes dabei sein. Es kommt auf die Menge an, und Flexibilität ist entscheidend. Wichtig ist auch hier, dass Eltern frühzeitig die Warnsignale erkennen. Dabei helfen folgende Fragen: Werden Treffen mit Freunden abgesagt? Weigert sich das Kind, bestimmte Lebensmittel zu essen, die es sonst eigentlich mochte? Findet eine plötzliche, starke Gewichtsabnahme statt? Werden immer mehr Nahrungsgruppen ausgeschlossen? Ist das der Fall, sollte frühzeitig eingegriffen und das Gespräch gesucht werden. Außerdem sollten Eltern auch selbst ein gesundes Verhältnis zu Ernährung vorleben, denn Kinder lernen am Modell.
epd: Was können Betroffene selbst tun?
Wahl-Kordon: Das Problem ist, dass Betroffene häufig nicht erkennen oder wahrhaben wollen, dass sie ein Problem haben. Häufig wird sich erst Hilfe gesucht, wenn Folgeerscheinungen auftreten, wie zum Beispiel eine depressive Symptomatik oder Untergewicht.
epd: Woran liegt das?
Wahl-Kordon: Gesunde Ernährung liegt im Trend und wird gesellschaftlich gefördert. Gerade am Anfang, wenn eine Verhaltensweise etabliert wird, kann Verstärkung aus dem Außen in Form von Lob und Komplimenten dazu führen, dass sich dieses Verhalten verfestigt. Außerdem beschäftigt sich viele von uns heute in einem gewissen Maße mit gesunder Ernährung. Auch Ernährungstrends wie Veganismus treffen gerade bei jungen Menschen auf Akzeptanz. Natürlich hat nicht jeder, der sich vegan ernährt, gleich Orthorexie. Aber es wird von manchen Betroffenen dazu genutzt, immer mehr Lebensmittel auszuschließen, ohne dass das jemand hinterfragt.
epd: Welchen Anteil haben soziale Medien an der Zunahme von Essstörungen?
Wahl-Kordon: Meiner Meinung nach haben soziale Medien, aber auch Medien im Allgemeinen, einen großen Anteil daran. Anorexie hat bereits im 20. Jahrhundert stark zugenommen. Das hat auch etwas mit Schönheitsidealen zu tun, die medial und auch gerade über Social Media vermittelt wurden. Das heutige Schönheitsideal entspricht heute überwiegend dem Model mit Untergewicht
epd: Gibt es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die Menschen mit Anorexie und Orthorexie häufig aufweisen?
Wahl-Kordon: Auf jeden Fall. Es geht häufig um Leistungsorientierung, keine Fehler zu machen, ausgeprägter Ehrgeiz und Perfektionismus. Dieser Zwang, alles perfekt machen zu wollen, überträgt sich auch aufs Essverhalten. Betroffene sind häufig sehr streng zu sich selbst. Das Paradoxe ist: Menschen mit Orthorexie wollen um jeden Preis gesund sein, dabei ist ab einem bestimmten Punkt das genaue Gegenteil der Fall.