Ihr wöchentlicher Branchendienst
Ausgabe 14/2025 - 04.04.2025
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Frankfurt a.M. (epd). Das Effort-Reward-Imbalance-Modell - auch Modell beruflicher Gratifikationskrisen genannt - wurde 1996 von dem Schweizer Medizinsoziologen Johannes Siegrist postuliert und beschäftigt sich damit, welche Faktoren Menschen in ihren Berufen zufrieden beziehungsweise unzufrieden machen. Gerade bei der Frage, warum Pflegekräfte ihrer Tätigkeit den Rücken kehren, hat sich das Modell als enorm erklärungsstark erwiesen.
Kern des Modells ist die Wahrnehmung von Beschäftigten, welche Anerkennungen sie für ihre Leistungen erhalten. Diese Anerkennungen können in Form von Geld, Arbeitsplatzsicherheit, Aufstiegschancen, Wertschätzung seitens Kollegen und Vorgesetzten oder sozialem Status auftreten. Erwerbstätige setzen die von ihnen wahrgenommenen Belohnungen in ein Verhältnis zu ihren Anstrengungen und Leistungen im Job. Besteht hier ein Missverhältnis, führt das zu Frustration. Diese psychosoziale Belastung kann die psychische oder physische Gesundheit beeinträchtigen und zu der Entscheidung führen, den Beruf zu verlassen.
Belastungsfaktoren im Bereich der Pflege sind nach diesem Modell geringe Aufstiegschancen, ein im Vergleich zum ärztlichen Personal geringes Ansehen in der Bevölkerung und der oft raue Ton im Gesundheitswesen, ob zwischen Patienten und Personal, innerhalb der Pflegekräfte oder zwischen Ärzten und Pflegepersonal. Lange Zeit gehörte auch die geringe Entlohnung zu den belastenden Faktoren. Mittlerweile verdienen Pflegekräfte aber besser.
Verbesserte Bezahlung hat in Deutschland allerdings zu einer Verschärfung des Fachkräftemangels geführt. Das klingt paradox, erklärt sich aber mit dem Effort-Reward-Imbalance-Modell. Da nur die Bezahlung erhöht wurde, nicht aber andere Belastungsfaktoren beseitigt wurden, entschieden sich viele Pflegende dafür, ihren Stellenumfang zu reduzieren, um so bei in etwa gleichem Gehalt ihre Lebensqualität zu steigern.
In Deutschland liegt die Teilzeitquote bei Pflegekräften in allen Bereichen mittlerweile bei mehr als 50 Prozent. Andere europäische Länder mit besseren Arbeitsbedingungen in der Pflege - etwa weil Pflegekräfte dort in der Regel akademisiert sind und sie so mehr Anerkennung in der Bevölkerung und anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen erfahren - haben weit geringere Teilzeitquoten.