sozial-Politik

Demografie

Professorin: Wir schauen, was Kinderwünsche beeinflusst




Katharina Spieß
epd-bild/Peter-Paul Weiler
Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) forscht seit 50 Jahren. Die Arbeit geht den Fachleuten in Wiesbaden nicht aus, denn viele aktuelle Fragen, wie etwa die Folgen der alternden Gesellschaft, sind nur mittels Demografieforschung zu beantworten. Die Direktorin des Instituts, Katharina Spieß, erlaubt im Interview einen Blick hinter die Kulissen.

Wiesbaden (epd). Ob beim Fachkräftemangel, der Bildung von Kindern und Jugendlichen oder Überlegungen zum höheren Renteneintrittsalter: Kaum eine Debatte zu aktuellen Herausforderungen für Gesellschaft und Wirtschaft lässt sich ohne Bezug zum demografischen Wandel führen. Katharina Spieß, Professorin für Bevölkerungsökonomie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, ist seit 2021 Direktorin des Instituts. Sie erläutert, wie sich der demografische Wandel gesellschaftlich gestalten lässt. Die Fragen stellte Christopher Hechler.

epd sozial: Frau Spieß, vor 50 Jahren gingen die Geburtenzahlen in Deutschland nach den starken Babyboomer-Jahrgängen massiv zurück. Herauszufinden, wieso das passierte, war damals der Anstoß zu Gründung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Welche Erkenntnisse hat das BiB dazu gewonnen, die heute noch relevant sind?

Katharina Spieß: Damals gab es neben den Babyboomern auch wegen der Zuwanderung von Gastarbeitern ein größeres Bevölkerungswachstum. Im Anschluss hat man vom sogenannten Pillenknick gesprochen und gedacht, dass die Antibabypille für die geringeren Geburtenzahlen der Folgejahre verantwortlich ist. Daran lag es aber nicht alleine. Es gab auch eine Veränderung in den Einstellungen und Lebensentwürfen der Menschen. Bei Paaren, beispielsweise, hat der Erwerbswunsch von Frauen zugenommen. Die Geburtenzahlen sind heute immer noch ein wichtiges Thema des BiB, doch es kam viel mehr dazu.

epd: Zum Beispiel?

Spieß: Wir schauen etwa, wer Kinderwünsche hat, wie diese beeinflusst werden und ob sie realisiert werden können oder nicht. Wir analysieren auch, wie sich Familienpolitik auf der einen und Kinderwünsche auf der anderen Seite zueinander verhalten. Wir untersuchen aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive auch die Nutzung von Maßnahmen der Reproduktionsmedizin. Oder ein anderes Beispiel: Zusammen mit Kolleginnen und einem Kollegen arbeite ich momentan an einer Studie zur Auswirkung des Kita-Ausbaus auf Schwangerschaftsabbrüche - da analysieren wir Daten aus den letzten Jahren. Insgesamt ist das Thema der Bevölkerungsentwicklung sehr viel komplexer, als nur zu schauen, ob die Geburtenrate hoch- oder runtergeht.

epd: Welchen Fokus legen Sie dabei?

Spieß: Unser Fokus ist der demografische Wandel, also die Veränderung der Bevölkerungsstruktur und Bevölkerungsentwicklung. Das hat viel mit Politik, individuellen Einstellungen und Entscheidungen zu tun. Unterteilt ist das bei uns in „dreieinhalb“ Bereiche: erstens Familie und Fertilität, zweitens Migration und Mobilität, drittens Altern, Mortalität und Bevölkerungsdynamik sowie einer Gruppe, die sich mit Bildung und Humanvermögen befasst.

epd: Können Sie konkretisieren, was mit Humanvermögen gemeint ist?

Spieß: Dabei geht es nicht nur um die „Quantität“ der Bevölkerung, sondern um die „Qualität“: Wie sind Menschen ausgebildet, welche Fähigkeiten haben sie? Das beeinflusst die Produktivität unserer Gesellschaft. Zusammenfassend geht es bei unserer gesamten Forschung auch darum zu schauen, wie man den demografischen Wandel gestalten kann. Der demografische Wandel ist keine Schicksalsfrage, die wir hinnehmen müssen, wir können ihm etwas entgegensetzen.

epd: Die äußeren Umstände sind doch aber so, wie sie eben sind: Deutschland wird immer älter. Wie soll dieser Wandel gestaltet werden?

Spieß: Es geht heute eben nicht darum, wie wir Geburtenraten steigern, sondern es geht darum, Menschen zu ermöglichen, Kinderwünsche zu realisieren - etwa durch eine bessere Betreuung in den Kitas. Gibt es eine gute Kita-Betreuung, ändern sich Einstellungen und auch Kinderwünsche. Es geht aber auch darum, die wenigen Kinder, die wir haben, in ihren Potenzialen zu entwickeln. Eine zentrale Frage ist etwa, wie man alle Bildungspotenziale nutzen kann. Dieses Thema beginnt sehr früh, begleitet Menschen aber über ihr gesamtes Leben, über die Weiterbildung bis hin zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit bis ins höhere Alter.

epd: Der Auftrag des BiB ist es, die Bundesregierung in Sachen demografischer Wandel auf Basis der Forschung zu beraten. Nun ist aber beispielsweise klar, dass Bildungsangebote mit Investitionen zusammenhängen. Oder dass es angesichts des Fachkräftemangels in zahlreichen Bereichen auf Dauer vermutlich nicht ohne Migration gehen wird. Trotzdem diskutiert die Ampel-Koalition erbittert über die Kindergrundsicherung und dichtere EU-Außengrenzen. Ist es nicht frustrierend, an Lösungen zu forschen, die von der Politik angesichts solcher aktuellen Debatten vermutlich nicht umgesetzt werden?

Spieß: Das Thema Kita-Ausbau ist hierfür ein gutes Beispiel: Die Wissenschaft hat viele Jahrzehnte immer wieder darauf hingewiesen, dass sich in Deutschland hier etwas ändern muss, bis sich langsam auch etwas getan hat. Wir sind zwar noch nicht am Ziel, was eine gute flächendeckende Kita-Versorgung angeht, aber wir sind viel weiter als noch vor 20 Jahren. Was ich mit diesem Beispiel sagen will, ist, dass wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler trotz allem immer wieder auf der Basis unserer Forschung beraten sollten und den Finger in die Wunde legen müssen. Wir dürfen allerdings nicht so naiv sein zu denken, dass alles umgesetzt wird. Letztendlich folgt die Politik anderen Rationalitäten als die Wissenschaft - aber manchmal würde auch ich mir wünschen, dass die Politik mutiger ist und bessere Kompromisse findet.

epd: Wie sieht die Beratung des BiB für die Politik genau aus?

Spieß: Neben unseren Forschungsstudien gibt es unsererseits auch Beratungsgespräche, Vorträge, Veranstaltungen und Broschüren, die unsere Forschungsergebnisse für die Öffentlichkeit und die Politik „übersetzen“. Im Auftrag der Bundesregierung und der Länder bieten wir auf unsere Webseite außerdem das Demografie-Portal an. Darin sammeln wir Praxisbeispiele zur Gestaltung des demografischen Wandels aus ganz Deutschland.

epd: Noch einmal mit dem Blick auf das Jubiläum des BiB: Wie hat sich die deutsche Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?

Spieß: Sie ist älter, bunter und diverser geworden.

epd: Und auch einsamer?

Spieß: Ja zum Teil. Der Anteil derjenigen, die alleine in einem Haushalt leben, nimmt zu. Das hat bei älteren Menschen aber auch etwas mit der Lebenserwartung zu tun. Die Einsamkeit war während der Corona-Pandemie ein großes Thema - mit den Folgen kämpfen wir immer noch. Ich würde aber nicht sagen, dass wir insgesamt alle einsamer werden und alles düster zu beschreiben ist. Auch hier wieder ein Beispiel: Dass Großeltern ihre Enkelkinder betreuen, hat sich beispielsweise trotz des Kita-Ausbaus der vergangenen Jahre nicht verändert. Es gibt also immer noch eine Unterstützung der Generationen untereinander.

epd: Woran forscht das BiB derzeit?

Spieß: Zum Beispiel daran, dass die Lebenserwartung in Deutschland im Vergleich der westeuropäischen Länder eine der niedrigsten ist. Wir investieren nur wenig in die Gesundheitsvorsorge, das ist eines unserer Themen. Uns beschäftigt außerdem, dass während der Corona-Pandemie junge Menschen weniger mobil wurden. Wie wird sich das auf den Übergang in die Selbständigkeit auswirken, wenn junge Menschen später von zu Hause ausziehen? Wir haben auch ein großes Forschungsprojekt zum Leben der zu uns Geflüchteten Menschen aus der Ukraine: Wie sind sie integriert, wie zufrieden sind sie.