Ihr wöchentlicher Branchendienst
Ausgabe 9/2023 - 03.03.2023
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Frankfurt a.M. (epd). Zwei Tage lang konnte sie nach der Impfung nicht mehr richtig sitzen. Daran erinnert sich Simone Walkowiak noch genau, obwohl es schon mehr als 50 Jahre her ist. Simone Walkowiak ist ein sogenanntes Verschickungskind. 1972 kam die damals Sechsjährige aus Gelsenkirchen für sechs Wochen in ein Kinderheim nach Berchtesgaden. Dass man sie dort mit etwas in den Po geimpft hatte, von dem sie bis heute nicht weiß, was es war, fiel ihr im Zusammenhang mit den Corona-Impfungen wieder ein.
Nach längerer Zeit hielt sie wieder einmal ihren Impfausweis in Händen, erzählt Walkowiak. Dabei habe sie festgestellt, dass die 1972 verabreichte Impfung nicht eingetragen war. Das beunruhigte sie. „Prinzipiell kann ja von jeder Impfung eine Nebenwirkung ausgehen“, sagt sie. Simone Walkowiak fing an, nach Menschen zu suchen, die sich zu jener Zeit, als sie im Berchtesgadener Kindersanatorium war, ebenfalls dort aufgehalten hatten. Dabei stieß sie auf die „Initiative Verschickungskinder“. Diese versucht zu erhellen, was in den Heimen geschehen ist.
Das ist allerdings gar nicht so einfach, sagt Ingrid Runde, bayerische Landeskoordinatorin der Initiative: „Die Akten sind immer noch mit einem Sperrvermerk versehen.“ Seit 2019 engagiert sich Ingrid Runde für Verschickungskinder. Sie tut das auch deshalb, weil sie das Schicksal jener Menschen teilt, die sie als Landeskoordinatorin unterstützt. Zweimal sei sie selbst verschickt worden, erzählt die 73-Jährige: „Mit vier und mit zehn Jahren.“ Bei der zweiten Verschickung 1960 sollte sie an Gewicht zunehmen. Man habe sie deshalb gezwungen zu essen. Sie musste regelmäßig so lange vor ihrem Teller sitzen, bis sie alles aufgegessen hatte.
Zwischen Ende der 1940er bis in die 1980er Jahre hinein wurden in der Bundesrepublik Deutschland Millionen Kinder in Kurheime verschickt. Sie hatten oft gesundheitliche Probleme und sollten dort stabilisiert werden. Viele Mädchen und Jungen kehrten jedoch traumatisiert zurück. Sie berichteten unter anderem von Essenszwang durch das Pflegepersonal bis hin zum Erbrechen sowie von harten Strafen wie Schlafentzug oder Ans-Bett-Fesseln.
„Dass es in Verschickungsheimen sogar Medikamentenexperimente gab, wird wissenschaftlich nicht mehr angezweifelt“, sagt Sylvia Wagner von der Universität Düsseldorf. Die Pharmazeutin promovierte 2019 zu Arzneimittelprüfungen an Heimkindern von 1949 bis 1975 in Deutschland. Beispielsweise seien Tuberkulosemittel an Verschickungskindern getestet worden.
Nach Wagners Recherchen geschah dies auch in der Kinderheilstätte im hessischen Ort Mammolshöhe bei Frankfurt. Die Versuche hätten begonnen, nachdem der Kinderarzt Werner Catel, der während der NS-Zeit maßgeblich an der Kinder-Euthanasie beteiligt war, Chefarzt wurde. Das war 1947. Nach Wagners Erkenntnissen geschahen die Versuche ohne Einwilligung der Eltern. „Vier Kinder starben“, sagt die Wissenschaftlerin.
Zwischen 1947 und 1951 wurde Wagner zufolge ein radiumhaltiges Tuberkulose-Präparat in einer Hildesheimer Heilstätte eingesetzt. Mehrere Kinder seien danach an Tumoren gestorben. „Mädchen bekamen Brustkrebs.“
Erste Hinweise erhärteten den Verdacht, dass in Berchtesgaden, wo Simone Walkowiak als kleines Mädchen war, ein Impfstoff an Kindern getestet wurde: Einer Fachpublikation aus dem Jahr 1961 zufolge nahmen wahrscheinlich mehrere Einrichtungen an diesem Versuch teil, wie die Düsseldorfer Forscherin recherchiert hat.
In Berlin engagiert sich Oliver Schworck, SPD-Bezirksstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, für Aufklärung und Aufarbeitung. Auch aus eigener Betroffenheit. „Ich wurde in den Sommerferien vor meiner Einschulung für drei Wochen verschickt“, berichtet der 54-Jährige. Die Erfahrungen in der Einrichtung seien so furchtbar gewesen, dass ihn diese drei Wochen bis heute prägten. Für ihn ist es wichtig, dass nach jahrzehntelangem Schweigen endlich über das Thema „Verschickungskinder“ gesprochen wird.